Obstruktionen durch strangulierende Lipome sind einer der häufigsten Gründe für die Notwendigkeit einer Kolik-Operation. Das Wissen über potenziell modifizierbare Risikofaktoren ist bislang jedoch begrenzt. Bislang bekannte Risikofaktoren sind signalementbezogen und damit nicht modifizierbar. Hierzu gehören etwa höheres Alter, männliches Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu bestimmten Rassen wie Araber, Quarter Horse oder Pony. Das Wissen über weitere Risikofaktoren könnte helfen, derartige Fälle schneller zu erkennen, sodass eine zügige chirurgische Intervention eingeleitet werden und damit die Prognose für die Patienten verbessert werden kann. Ziel dieser Studie war es, modifizierbare sowie haltungsbedingte Risikofaktoren für das Auftreten von Obstruktionen durch strangulierende Lipome (SLO) zu identifizieren. Es wurde angenommen, dass höheres Alter, männliches Geschlecht und die Zugehörigkeit zu Ponyrassen, endokrine oder metabolische Erkrankungen sowie kürzlich durchgeführte Haltungs- oder Fütterungsumstellungen zu einem erhöhten Risiko für SLO führen.
Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden Fälle aus vier verschiedenen Kliniken (zwei in den USA, zwei in Großbritannien) in die Studie einbezogen. Die Fälle waren Pferde, die aufgrund einer Kolik einer medianen Laparotomie unterzogen wurden und bei denen während der Operation die Diagnose SLO gestellt wurde. Die Pferdebesitzer wurden innerhalb von 7 Tagen nach der Operation gebeten, einen für die Studie erstellten Fragebogen auszufüllen. Als Kontrollgruppe dienten Pferde, die aus dem Patientengut der letzten Jahre aus allen Kliniken rekrutiert wurden. Hierfür wurden zufällig Patientenbesitzer ausgewählt und gebeten, ein Pferd mit einem Alter ≥ 8 Jahre aus ihrem aktuellen Bestand auszuwählen. Der Fragebogen umfasste Fragen zu Signalement, vorangegangenen Erkrankungen einschließlich Kolik, Hufrehe, EMS und PPID sowie stereotypen Verhaltensweisen. Managementbezogene Fragen beinhalteten Informationen zu Aufstallung, Weidegang, Fütterung, Training und durchgeführten Managementänderungen innerhalb der letzten vier Wochen. Außerdem wurden alle tierärztlichen Behandlungen und Medikationen innerhalb der letzten vier Wochen erfasst.
Es konnten 62 Fälle mit einem Durchschnittsalter von 18,24 Jahren in die Studie eingeschlossen werden. Das jüngste Pferd war 9 Jahre alt und es waren zu 74,2 % männliche Tiere betroffen. Ponys, Welsh D und Welsh Cob, Quarter und Paint Horses sowie Araber machten einen Großteil der Fälle (75,8 %) aus. Pferde ohne passende Kontrolltiere wurden aus der Studie ausgeschlossen, sodass letztendlich 55 Fälle und 167 passende Kontrolltiere (drei Kontrolltiere je Patient, in zwei Fällen vier Kontrolltiere) in die Auswertung einbezogen wurden. Höheres Alter war signifikant mit dem Auftreten von SLO assoziiert, ebenso wie männliches Geschlecht und die Zugehörigkeit zu den oben genannten Rassen. Auch eine diagnostizierte Hufrehe oder PPID war mit einem signifikant erhöhten Risiko für SLO verbunden, eine EMS-Diagnose hingegen nicht. Änderungen der Aufstallungsdauer (sowohl längere als auch kürzere Zeit in der Box) innerhalb der letzten vier Wochen waren mit einem häufigeren Auftreten von SLO assoziiert. Ein signifikant erniedrigtes Risiko für SLO zeigten solche Pferde, die zum Zeitpunkt der Befragung unter Maßnahmen zur Gewichtsreduktion aufgrund von Übergewicht oder einer vermuteten oder bestätigten EMS-Diagnose standen.
Im Rahmen dieser Untersuchung konnte gezeigt werden, dass spezifische Risikofaktoren mit dem Auftreten von SLO in Verbindung stehen. Der Zusammenhang zu höherem Alter und bestimmten Rassen konnte erstmals auch mit dem Vergleich zu einer größeren Kontrollgruppe bestätigt werden. Der Faktor männliches Geschlecht fiel als signifikanter Unterschied in dieser Studie heraus, wenn Hufrehe oder Haltungsumstellungen in die Berechnung miteinbezogen wurden. Dennoch ist auch aus der Humanmedizin bekannt, dass mesenteriale Lipome häufiger bei Männern als bei Frauen auftreten. Der Zusammenhang zu Hufrehe-Erkrankungen sowie der schützende Effekt gewichtsreduzierender Maßnahmen sind hingegen neue Erkenntnisse. Eine Hufrehe-Erkrankung innerhalb der letzten 12 Monate führte zu einem signifikant erhöhten Risiko für SLO. Bereits in früheren Studien wurde ein Zusammenhang zwischen Insulin-Dysregulation und der Entstehung von Lipomen vermutet, ein Zusammenhang zu Hufrehe wurde jedoch bislang nicht untersucht. Es ist zu vermuten, dass nicht diagnostizierte oder unbehandelte Endokrinopathien wie EMS oder PPID im Vergleich zu Pferden, bei denen diese Erkrankungen diagnostiziert wurden und eine effektive Behandlung eingeleitet wurde, zu einem erhöhten Risiko für SLO führen.
Eine Änderung der Aufstallungsdauer innerhalb der letzten vier Wochen konnte ebenfalls als Risikofaktor für SLO identifiziert werden. Vermutlich führen derartige Änderungen zu einer Veränderung der Dünndarmmotilität, was die Entstehung einer Obstruktion durch ein Lipoma pendulans begünstigen kann. Plötzliche Änderungen der Haltung sollten daher bei Patienten mit hohem Risiko für SLO vermieden werden. Zusammenfassend konnten in dieser Studie neben der Bestätigung bereits bekannter Risikofaktoren erstmals Managementfaktoren als mögliche Risikofaktoren für die Entstehung von SLO identifiziert werden, wodurch die Stellung einer Verdachtsdiagnose bei Kolik-Patienten erleichtert werden kann, wenn diese Faktoren in der Anamnese auftauchen. Zudem können Strategien zur Risikominimierung bei Patienten mit erhöhtem Risiko für SLO erarbeitet werden.
