gpm fachliteratur kompakt logo

 

  • Autoren: Andrews F M, Chapman A M, Cremer J, Keowen M L, Garza F Jr, Liu C-C, Gray L (2026)
  • Journal: Equine Veterinary Education
  • Zusammenfassung: vk

Pflanzliche Ergänzungsfuttermittel werden in der Pferdehaltung oftmals eingesetzt. In einer Studie erhielten Vielseitigkeitspferde nach Angaben ihrer Besitzer im Durchschnitt 4,2 Supplemente täglich. Ein häufiger Bestandteil solcher Produkte ist Sibirischer Ginseng (Eleutherococcus senticosus; SBG), ein Adaptogen, dem beruhigende, antioxidative, antiinflammatorische, immunregulatorische, immunmodulierende, antimikrobielle und antivirale Eigenschaften zugeschrieben werden. Beschrieben sind zudem eine gesteigerte Antikörperantwort nach EHV-1-Impfung beim Pferd in einer Studie sowie eine Hemmung der IL-1β- und IL-6-Genexpression, eine verminderte TNF-α-Produktion und eine reduzierte COX-2-Expression sowie verminderte Entzündungsreaktionen. Darüber hinaus gibt es Berichte bei Mensch und Pferd, dass SBG die Ausdauer verbessern kann, Müdigkeit vorbeugt und Stress reduziert. Allerdings bestehen Sicherheitsbedenken, da beim Menschen und bei anderen Spezies von Hypertension, Angstzuständen und Hypoglykämie berichtet wurde. Publizierte Berichte über solche unerwünschten Symptome beim Pferd fehlen bislang. Ziel der Arbeit war zu prüfen, ob die Gabe eines SBG-haltigen Supplements bei gesunden Pferden zu potenziellen Nebenwirkungen einschließlich Hypertension, Hyperaktivität, Angst und/oder Hypoglykämie führt und somit zu evaluieren, wie sicher die tägliche Gabe ist.

Die Studienpopulation umfasste 16 klinisch gesunde Vollblut- und Vollblutkreuzungswallache mit einem medianen Körpergewicht von 520 kg und einem Alter von 4 bis 16 Jahren (Median: 8 Jahre). Es handelte sich um eine einperiodische Studie über 29 Tage ohne Crossover mit zwei Behandlungen. Die Zuteilung erfolgte über einen Zufallsgenerator auf eine Kontrollgruppe (n = 8, luzernebasierte Pellets ohne Zusatz) und eine Behandlungsgruppe (n = 8, dieselben Pellets mit 1000 mg SBG-Wurzelpulver). Die Pferde wurden zweimal täglich von erfahrenem, verblindetem Personal auf abweichende klinische Befunde wie Inappetenz oder Kolik kontrolliert. Gefüttert wurden Mischgrasheu (1,5 % der Körpermasse) und ein kommerzielles Kraftfutter (2,5 kg, zweimal täglich). Die Pellets wurden einmal täglich über 29 Tage direkt unter die Kraftfutterration gemischt. Die Körpermasse wurde zu Studienbeginn und alle sieben Tage erfasst. Blutproben wurden an Tag 1 vor der Fütterung sowie an Tag 28, zwei Stunden nach Fütterung, gewonnen.

Der Blutdruck wurde nichtinvasiv oszillometrisch über eine Schweifmanschette gemessen. An den Tagen 1, 14 und 28 wurden jeweils zwei Stunden nach der Morgenfütterung vier Messungen im Abstand von drei Minuten durchgeführt. Systolischer, diastolischer und mittlerer arterieller Druck wurden über eine Korrekturformel an die Körpergröße angepasst. Die Aktivität in der Box wurde mit einem Pedometer am linken Vorderbein oberhalb des Carpus erfasst. Die Aufzeichnung lief an den Tagen 1, 14 und 28 jeweils über drei Stunden ab dem Zeitpunkt der Fütterung. An Tag 0 vor Behandlungsbeginn sowie an Tag 29, zwei Stunden nach der 29. Supplementgabe, wurde ein Novel Object Test (NOT) durchgeführt: Nach der Akklimatisation bis zu einer Herzfrequenz von ≤ 50 Schlägen/min wurde das Pferd an einem locker durchhängenden Führstrick geführt und in etwa 3,0 m Entfernung ein rot gepunkteter Regenschirm geöffnet. Die Reaktion wurde von einem verblindeten Beobachter mit einem Score von 1 bis 5 bewertet, die Herzfrequenz kontinuierlich über einen Brustgurtsensor aufgezeichnet. Plasma-ACTH wurde an den Tagen 0 und 29 jeweils etwa 15 min vor dem Verlassen der Box sowie unmittelbar nach dem NOT bestimmt.

Das Supplement wurde von allen Pferden gut gefressen, unerwünschte Wirkungen traten über den gesamten Behandlungszeitraum nicht auf. In Hinblick auf Herzfrequenz, Blutwerte einschließlich Glukose, Gesamteiweiß, Leberenzyme, Nierenwerte, Elektrolyte und Kalzium zeigten sich keine Behandlungseffekte. Die mittlere Körpermasse blieb über den Studienzeitraum unverändert. Der korrigierte systolische Blutdruck war in der SBG-Gruppe an den Tagen 14 und 28 niedriger als am Ausgangstag. Er sank von 131,4 ± 4,3 mmHg auf 123,2 ± 4,3 mmHg und weiter auf 117,2 ± 4,3 mmHg. An Tag 28 lag der Wert der behandelten Pferde zudem signifikant unter dem der Kontrollpferde (117,2 ± 4,3 mmHg gegenüber 132,6 ± 4,3 mmHg). Die Herzfrequenz stieg während des NOT in beiden Gruppen an, ein Behandlungseffekt bestand nicht, insgesamt war die Herzfrequenz am zweiten Testtag höher als am ersten. Schritte und Bewegung in der Box unterschieden sich zu keinem Zeitpunkt zwischen den Gruppen, nahmen jedoch in beiden Gruppen von Tag 1 zu den Tagen 14 und 28 signifikant zu. Die Angst-Scores nach dem NOT unterschieden sich nicht zwischen den Gruppen. Die Plasma-ACTH-Aktivität zeigte einen signifikanten Zeiteffekt mit höheren Werten unmittelbar nach dem NOT, allerdings ohne Behandlungseffekt zwischen den Gruppen.

Die verabreichte Menge von SBG entsprach dem Doppelten der empfohlenen Dosierung und lag bezogen auf die Körpermasse bei 1,74 bis 2,20 mg/kg. Trotz dieser Dosis blieben die für Mensch und andere Spezies beschriebenen Effekte aus. Statt eines Blutdruckanstiegs fiel der größenkorrigierte systolische Druck zwei Stunden nach der Fütterung an den Tagen 14 und 28 um 6 bis 11 % gegenüber den Kontrollen ab, sodass die Autoren eine ginsengbedingte Hypertension für diese Kohorte ausschließen. Sie ordnen den Befund methodisch ein. Blutdruckwerte beim Pferd variieren mit Messort und Zustand des Tieres, und die oszillometrische Messung ist für den mittleren arteriellen Druck genauer als für systolische und diastolische Werte. Hinweise auf Hyperexzitabilität ergaben sich nicht.

Die im Vergleich zu einer früheren Untersuchung höheren absoluten Schritt- und Bewegungszahlen führen die Autoren auf ein möglicherweise empfindlicheres Messgerät, die zentralere Position des Pedometers oberhalb des Karpus sowie auf den teils offenen Stall zurück, in dem die Pferde Artgenossen auf angrenzenden Weiden sehen konnten. Der ACTH-Anstieg unmittelbar nach dem NOT wird als Beleg dafür gewertet, dass der Test tatsächlich einen akuten Stressor darstellte. Die SBG-Gabe verstärkte die Stressreaktion in der gewählten Dosis jedoch nicht. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass sich nur minimale positive Effekte auf Stress-, Angst- und Verhaltensparameter zeigten. Blutbild, klinische Chemie und Blutgase blieben unbeeinflusst, die Glukosewerte lagen vor Studienbeginn und an Tag 28 im Referenzbereich. Beim Menschen wurde dagegen über drei Monate eine stetige Glukosesenkung beobachtet, die den Eleutherosiden im SBG zugeschrieben werden. Daraus leiten die Autoren eine mögliche Rolle bei equiner Insulinresistenz ab, für die jedoch keine Daten aus Langzeitgaben vorliegen.

Zusammenfassend wurde Sibirischer Ginseng (1000 mg, oral, einmal täglich über 29 Tage) von den Pferden gut aufgenommen und verursachte weder unerwünschte klinische Anzeichen noch Krankheitssymptome. In dieser Dosis senkte SBG den systolischen Blutdruck, zeigte jedoch nur minimale positive Effekte auf Stress- und Angstreaktionen sowie auf das Verhalten.