Eine Krongelenksarthrose betrifft bevorzugt solche Pferde, die regelmäßig aus hoher Geschwindigkeit heraus abstoppen oder in eine Drehbewegung gehen. Diagnostische Grundlage einer Krongelenksarthrose ist der Röntgenbefund in Form von periartikulären knöchernen Proliferationen, einer Verschmälerung des Gelenkspalts sowie subchondralen Osteolysen. In der Praxis werden dabei die Weichteilstrukturen um das Krongelenk nicht immer berücksichtigt. An der Biomechanik des Krongelenks sind palmar/plantar das gerade Sesambeinband (Ligamentum sesamoideum rectum), die axialen und abaxialen palmaren/plantaren Krongelenksbänder, die schrägen Sesambeinbänder (Ligg. sesamoidea obliqua) und die beiden Schenkel der oberflächlichen Beugesehne beteiligt. Das gerade Sesambeinband ist die größte unter den genannten Strukturen. Es entspringt am Lig. intersesamoideum und an den Gleichbeinen und setzt an der Tuberositas flexoria des Kronbeins an, um einer Hyperextension des Krongelenks entgegenzuwirken. In der vorliegenden retrospektiven klinischen Studie sollten Häufigkeit und Schweregrad einer Desmopathie des geraden Sesambeinbandes mit einer Krongelenksarthrose in Korrelation gebracht werden.
Zu diesem Zweck suchte man über einen Zeitraum von 9 Jahren Krankenakten von Pferden heraus, bei denen an der Colorado State University Röntgenaufnahmen des Krongelenks in vier Ebenen durchgeführt worden waren. Aus diesen Fällen gingen solche Pferde in die weitere Auswertung ein, bei denen sowohl röntgenologisch eine Krongelenksarthrose vorlag als auch weitere mittels MRT oder sonographisch erhobene periartikuläre Weichteilbefunde vorlagen. MRT-Untersuchungen erfolgten in der ersten Hälfte der Studie mit einem 1-Tesla-MRT, in der zweiten Hälfte mit einem 3-Tesla-MRT. Die Ausdehnung einer Bandläsion wurde im Transversalbild zum Gesamtquerschnitt des Lig. sesamoideum rectum in Relation gesetzt und als geringgradig (bis 25% der Querschnittsfläche), mittelgradig (26–50%) oder hochgradig (über 50%) eingestuft. Über die Einteilung der röntgenologischen Befunde, ebenfalls in drei Schweregrade, stimmten sich zwei Radiologen ab.
Insgesamt gelangten 58 Pferde mit 60 Gliedmaßen (bei zwei Pferden beidseitig) in die endgültige Auswertung. Dabei handelte es sich um 40 Wallache und 18 Stuten im mittleren Alter von 12 Jahren. Bezüglich der Rasseverteilung dominierten Warmblüter (22) und Quarter Horses (19) neben Vollblütern (6), Arabern (5) und sonstigen Rassen. In zwei Dritteln der Fälle war ein Vorderbein betroffen, bei dem übrigen Drittel ein Hinterbein. Ultraschallbefunde lagen doppelt so häufig vor wie MR-Befunde. In etwa der Hälfte der Fälle lag eine Desmopathie des Lig. sesamoideum rectum vor. Dabei fand sich eine signifikante, mäßige positive Korrelation zwischen dem Schweregrad beider Krankheitsentitäten. Hingegen fand sich keine Korrelation zwischen Lahmheitsgrad und Ausprägung der Desmopathie in der Bildgebung.
Die vorliegenden Befunde sprechen dafür, dass bei einer Krongelenksarthrose mit einer begleitenden Desmopathie des Lig. sesamoideum rectum zu rechnen ist. Insbesondere bei höhergradiger oder therapieresistenter Krongelenksarthrose kann eine Untersuchung des palmaren/plantaren Bandapparates mittels Bildgebung sinnvoll sein. Ein möglicher Kausalzusammenhang zwischen Arthrose und Desmopathie könnte aus einer gemeinsamen traumatischen Genese resultieren, aber auch daraus, dass ein durch ein akutes Trauma oder wiederholte Mikrotraumen geschädigter Bandapparat einer Hyperextensionsbelastung im Krongelenk nicht mehr ausreichend Einhalt gebieten kann und sich daraus eine Arthrose entwickelt. Neben dem geraden Sesambeinband könnten auch die übrigen Anteile des in dieser Studie nicht weiter untersuchten palmaren/plantaren Bandapparates ursächlich beteiligt sein. Andersherum ist auch denkbar, dass knöcherne Proliferationen eines arthrotischen Krongelenks das Lig. sesamoideum rectum durch ein Impingement strukturell schädigen. Da ein MRT in der vorliegenden Studie nicht durchgängig verfügbar war, bleibt offen, ob eine Desmopathie tatsächlich in jedem Fall erkannt werden konnte und der Anteil begleitender Desmopathien möglicherweise höher liegt als ermittelt. Andererseits könnten bevorzugt solche Pferde mit einer Krongelenksarthrose in die Weichteil-Bildgebung gegangen sein, bei denen man positive Befunde vermutete.
