gpm fachliteratur kompakt logo

 

  • Autoren: Torrent-Crosa A, Merchán-Muñoz A, Co C, Borkowski E (2026)
  • Journal: Equine Veterinary Education
  • Zusammenfassung: aa

Die Osteochondrose ist eine Störung der endochondralen Ossifikation, also des Umbaus von Knorpel in Knochen an den Enden langer Röhrenknochen. Ausgangspunkt ist eine gestörte Blutversorgung des epiphysären Knorpels mit herdförmiger ischämischer Chondronekrose, wobei nekrotischer Knorpel nicht regenerieren kann. Als Einflussfaktoren gelten Wachstumsgeschwindigkeit, Fütterung, Trauma, Bewegung und genetische Veranlagung. Bevorzugt erkranken das Tarsokruralgelenk, das Femoropatellargelenk, die Fesselgelenke, die Karpalgelenke und die Gelenkfacetten der Halswirbel, seltener das Ellbogengelenk, das Schultergelenk oder das Hüftgelenk. In der Veröffentlichung wird der Fall eines zweieinhalb Monate alten Friesenhengstfohlens mit Osteochondrosis dissecans (OCD) beider Ellbogengelenke und des rechten Talokalkanealgelenks sowie beidseitigen Salter-Harris-Frakturen Typ II (SH-II) des Fersenbeins, eine bislang nicht beschriebene Kombination, beschrieben.

In einem Alter von 1,5 Monaten und einem Körpergewicht von 115 kg wurde das Fohlen wegen Varusfehlstellungen mit einer Achsenabweichung von 4° beider Fesselgelenke der Vordergliedmaßen und des linken Fesselgelenks der Hintergliedmaße überwiesen. Mit einem Body Condition Score (BCS) von sieben auf der neunstufigen Skala war es mittelgradig übergewichtig. Das Fohlen war bei Aufnahme im Schritt lahmheitsfrei. Am Folgetag wurde in Allgemeinanästhesie zur Wachstumshemmung an beiden distalen Metakarpen und am linken Metatarsus je eine transphysäre Schraube von 4,5 mm lateral eingebracht. In den folgenden 48 Stunden lag das Fohlen viel und bewegte sich steif. Zwei Tage nach der Operation erfolgte die Entlassung mit der Empfehlung von Boxenruhe und täglichem Führen.

Aufgrund einer hochgradigen Gangstörung der Vordergliedmaßen und des Verdachts auf Überkorrektur erfolgte 26 Tage nach der Entlassung die Wiederaufnahme. Das Fohlen wog zu diesem Zeitpunkt 145 kg bei unverändertem BCS. Die Varusfehlstellung bestand weiterhin. Das Fohlen zeigte eine Tachykardie mit 128 Schlägen pro Minute, eine geringgradige Tachypnoe, eine enge Brust mit bodenweiter Stellung der Vordergliedmaßen, eine mittelgradige Beugefehlstellung der Karpalgelenke, steil gestellte Sprunggelenke und eine auffallend angespannte Muskulatur. Beide Ellbogengelenke und beide Tarsokruralgelenke waren hochgradig gefüllt, an beiden Kalkanei bestanden symmetrische, derbe Umfangsvermehrungen. Im Schritt lahmte das Fohlen vorne mittelgradig bis hochgradig und hinten geringgradig, wobei die Karpalgelenke in der Stützbeinphase deutlich nach medial einknickten. Das Blutbild ergab ein Stressleukogramm. Stationär lag das Fohlen lange in Brustlage oder Seitenlage und benötigte Hilfe beim Aufstehen und Saugen. Mit 92 bis 128 Schlägen und 72 bis 80 Atemzügen pro Minute blieb es tachykard und tachypnoisch, zudem bestand geringgradiges Fieber von 38,9 °C.

Röntgenologisch zeigten beide Ellbogengelenke Knochenläsionen mit unvollständiger Verknöcherung und Fragmentierung des lateralen Humerusepikondylus bei mittelgradig inkongruentem Gelenkspalt. An beiden Tarsi sprachen Knochenläsionen an der Physe der Kalkaneusapophysen für Frakturen. Sonographisch enthielten die Ellbogengelenke reichlich geringgradig echogene, zellreiche Flüssigkeit mit körnigem Erscheinungsbild, an den Tarsi fielen Weichteilschwellung und Kallusbildung auf. Die Punktion des rechten Ellbogengelenks ergab makroskopisch blutige Synovia, was auf Einblutungen in das Gelenk hindeutete. Wegen hochgradiger Schmerzen, langer Liegezeiten und der ungünstigen Prognose bei Veränderungen an vier großen gewichtstragenden Gelenken wurde das Fohlen euthanasiert.

Bei der Sektion bestand beidseits eine hochgradige OCD der lateralen Humerusepikondylen, der Processus anconaei sowie der Gelenkflächen von Radius und Ulna mit Chondronekrose, subchondralen Infarkten und hochgradigen Einblutungen in die Gelenke. Beide Fersenbeine wiesen instabile epiphysäre Abrissfrakturen vom Typ SH-II mit ausgedehnter Osteonekrose auf. Rechts ragte ein abgelöster Knorpellappen in den Frakturspalt. Histopathologisch war der persistierende Knorpel an der Ulna bis zu viermal und am linken Humerus bis zu fünfmal so dick wie der angrenzende Gelenkknorpel. An der Ulna hatte sich etwa die Hälfte des Knorpels vom subchondralen Knochen gelöst. Insgesamt waren Veränderungen sämtlicher Stadien der Osteochondrose nachweisbar.

Differenzialdiagnostisch wurden zunächst eine Myotonie und eine septische Polyarthritis erwogen. Da andere Organe unverändert waren und nichts auf eine systemische Infektion hinwies, werten die Autoren rasches Wachstum bei vermutlich energiereicher Fütterung als wahrscheinlichsten prädisponierenden Faktor. Die Kalkaneusfrakturen sind wahrscheinlich durch übermäßigen Zug der Achillessehne an osteochondrotisch vorgeschädigtem Gewebe entstanden. Rückblickend waren auf Fotos und Videos der Erstvorstellung bereits eine Füllung der Ellbogengelenke und eine Deformation der Tarsi erkennbar, die damals als unbedeutend galten.

Die Aussagekraft des Berichts ist nach Angaben der Autoren eingeschränkt: Es handelt sich um eine retrospektive Auswertung, der BCS wurde subjektiv beurteilt, und für Friesen fehlen Wachstumsreferenzen. Futteranalyse, Untersuchungen auf hormonelle oder nutritive Ursachen und Stammbaumanalyse unterblieben ebenso wie Röntgenaufnahmen der Karpalgelenke und eine Untersuchung der Kniegelenke. Ohne Synoviazytologie und Blutkultur ließ sich eine Sepsis nicht sicher ausschließen. Die frühe Operation trotz relativ milder Fehlstellung ist bei Vollblütern üblich. Bei Rassen, die nach klinischer Erfahrung (nicht durch Longitudinalstudien belegt) später ausreifen, könnte ein abwartendes Vorgehen genügen, und eine Operation wäre nur bei ausbleibender Besserung nötig. Die Autoren betonen daher die gründliche klinische Untersuchung, um subtile Frühzeichen zu erkennen.