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  • Autoren: Samuels A N, Collins N, Albrecht M, Cuming R, Reed S, Gomez D, Toribio R (2026)
  • Journal: American Journal of Veterinary Research
  • Zusammenfassung: in

Die akute Colitis ist mit hohen Mortalitätsraten verbunden und bedarf häufig einer intensiven Behandlung. Die Pferde mit hohem Mortalitätsrisiko früh zu erkennen, ist dabei wichtig für eine angepasste Therapie, Besitzerinformation und Entscheidungsfindung. In der Humanmedizin wird der Neutrophilen-Lymphozyten-Quotient (NLR) als verlässlicher Biomarker zur Erkennung immunologisch-entzündlicher Imbalancen im Rahmen infektiöser oder entzündlicher Erkrankungen eingesetzt, der auch eine Beurteilung von Schweregrad und Prognose der Erkrankung zulässt. Der NLR kann aus einem Blutbild berechnet werden, indem die absolute Anzahl neutrophiler Granulozyten durch die Lymphozytenanzahl geteilt wird, was ihn zu einem leicht zugänglichen klinischen Parameter macht. In der Tiermedizin wurde der NLR bislang bei Hunden mit septischer Peritonitis, Sepsis und SIRS, Katzen mit SIRS, Pferden mit gastrointestinaler Kolik nicht infektiöser Genese sowie bei hospitalisierten neugeborenen Fohlen evaluiert. Zusammenfassend zeigte sich dabei ein Zusammenhang zwischen dem NLR und schweren Erkrankungen sowie bei Katzen, Pferden und Fohlen auch ein Zusammenhang mit dem Nichtüberleben der Erkrankung. Im Rahmen dieser Studie sollte der NLR bei Klinikeinweisung bei Pferden mit akuter Colitis sowie bei gesunden Pferden bestimmt werden. Darüber hinaus sollte der Zusammenhang des NLR mit dem Überleben, dem Schweregrad der Erkrankung und häufigen infektiösen Ursachen der equinen Colitis untersucht werden.

Insgesamt waren 444 Pferde mit einem Alter > 1 Jahr in dieser retrospektiven Studie eingeschlossen, bei denen nach Aufnahme in eine von 5 Pferdekliniken die Diagnose einer akuten Colitis gestellt wurde. Als Kontrollgruppe dienten 100 Pferde mit einem Alter > 1 Jahr, die zur Lahmheitsuntersuchung vorgestellt worden waren und anhand von Anamnese, klinischer Untersuchung und Laborwerten als klinisch allgemein gesund eingestuft wurden. Aus den Daten der Pferde wurden das Signalement und die Ergebnisse einer klinischen Allgemeinuntersuchung aufgenommen. Darüber hinaus wurden Blutwerte (großes Blutbild, Laktat- und Glukosewert, Hämatokrit und Gesamteiweiß) sowie Ergebnisse der Untersuchungen auf Darmpathogene erfasst. Die Pferde mit Colitis wurden anhand der Befunde aus klinischer Allgemeinuntersuchung und Blutbild in verschiedene SIRS-Gruppen unterteilt: kein SIRS (0 bis 1 SIRS-Kriterium erfüllt), 2 SIRS (2 Kriterien erfüllt), 3 SIRS (3 Kriterien erfüllt) und 4 SIRS (4 Kriterien erfüllt).

Unter den 100 gesunden Kontrollpferden waren 68 männliche und 32 weibliche Tiere mit einem Medianalter von 10 Jahren. Es waren überwiegend Quarter Horses und Warmblüter. Unter den 444 Pferden mit Colitis waren 248 männliche und 196 weibliche Tiere mit einem Medianalter von 8 Jahren. Es waren überwiegend Vollblüter, Warmblüter, Quarter Horses und Traber betroffen. Bei gesunden Pferden lag der mediane NLR bei 2,06, die mediane Neutrophilenzahl bei 4,14 und die mediane Lymphozytenzahl bei 2,16. Bei Pferden mit Colitis lagen die Werte bei 1,93, 3,23 und 1,65. Der NLR zeigte damit keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen, Neutrophilen- und Lymphozytenzahl dagegen schon. Von den 444 Pferden mit Colitis überlebten 97 Tiere (22 %) die Erkrankung nicht. Es gab keinen signifikanten Altersunterschied zwischen den Pferden, die überlebten, und denen, die nicht überlebten. Auch der NLR sowie die Neutrophilen- und Lymphozytenzahl unterschieden sich nicht signifikant. Jedoch wiesen Pferde, deren NLR bei Klinikeinweisung unterhalb des unteren Quartils von 1,43 (IQR: 1,43–2,58) lag, eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, die Erkrankung nicht zu überleben. Der Unterschied war jedoch nicht signifikant.

Von den 437 Colitis-Patienten mit bekanntem SIRS-Status erfüllten 254 (58 %) mindestens zwei SIRS-Kriterien. Der NLR war bei diesen Pferden signifikant niedriger als bei solchen ohne SIRS. Bei 72 % (320/444) der Pferde mit Colitis wurde weitere Diagnostik zur Erkennung möglicher Darmpathogene als Ursache der Erkrankung vorgenommen. Insgesamt konnte bei 69 % der getesteten Pferde kein Erregernachweis für Salmonella spp., das equine Coronavirus, Clostridium spp. oder Neorickettsia risticii/findlayensis geführt werden. Bei keinem Pferd konnte mehr als ein Erreger identifiziert werden. 14 % (46/320) der Tiere waren positiv auf Neorickettsia risticii/findlayensis, 8 % (27/320) auf Salmonella spp., 4 % (13/320) auf equines Coronavirus und 4 % (12/320) auf Clostridium spp. Der NLR war bei Pferden mit Nachweis eines darmpathogenen Erregers signifikant niedriger als bei Pferden mit negativem Testergebnis.

Es konnte gezeigt werden, dass Pferde mit mindestens 2 SIRS-Kriterien einen signifikant niedrigeren NLR zeigten als solche Pferde mit maximal einem abweichenden Parameter. Der NLR sank mit zunehmender Schwere des SIRS. Dies lässt den Schluss zu, dass anhand des NLR eine Unterscheidung zwischen milden Verläufen und schweren systemisch-entzündlichen Erkrankungen möglich ist. Ähnliche Korrelationen konnten bereits bei Menschen, Hunden und Katzen nachgewiesen werden. Der NLR bei Klinikeinweisung war zwar als Einzelparameter nicht signifikant mit einem Nichtüberleben der Erkrankung assoziiert, jedoch gab es einen Trend zu höherer Mortalität bei niedrigeren NLR-Werten. In einer multivariablen Analyse zeigte sich, dass ein Modell, das den NLR, Hämatokrit, Kreatinin, Atemfrequenz, Schleimhautfarbe und SIRS-Kriterien einbezieht, eine gute Vorhersage des Risikos des Nichtüberlebens erlaubt. Bereits in der Humanmedizin konnte gezeigt werden, dass die Einbeziehung multipler hämatologischer und biochemischer Parameter einschließlich des NLR die Vorhersagegenauigkeit im Vergleich zu Einzelparametern erhöhen kann.

In dieser Studie zeigte sich ein signifikant niedrigerer NLR für Pferde, die positiv auf eines der gängigen Darmpathogene getestet wurden, wobei Pferde mit einem Nachweis des equinen Coronavirus die niedrigsten Werte aufwiesen. Da infektiöse Colitis-Ursachen Auswirkungen auf Prognose, Therapie und Biosicherheit haben, ist eine frühzeitige Erkennung wertvoll. Die weitere Evaluierung zusätzlicher hämatologischer und biochemischer Marker kann unter Umständen helfen, die Unterscheidung zwischen viralen und bakteriellen Ursachen der Colitis zu erleichtern. Es konnte kein signifikanter Unterschied zwischen dem NLR gesunder Pferde und dem der Colitis-Patienten festgestellt werden. Da es sich bei der Kontrollgruppe um Pferde handelte, die für Lahmheitsuntersuchungen vorgestellt wurden, ist es möglich, dass eine vorangegangene Medikation mit NSAIDs stattgefunden hat. NSAIDs können Auswirkungen auf die Werte des weißen Blutbildes haben und damit den NLR beeinflussen. Es wurden jedoch bewusst Pferde in die Kontrollgruppe eingeschlossen, die auch in eine Klinik eingewiesen wurden, um stressbedingte Veränderungen der Leukozyten zu berücksichtigen. Zusammenfassend ist der NLR ein leicht zu erhebender Parameter, dessen Bedeutung weiter evaluiert werden sollte. Möglicherweise kann die Erhebung des NLR zusammen mit anderen Blutwerten helfen, Pferde mit schweren systemisch-entzündlichen Erkrankungen oder infektiösen Ätiologien zu identifizieren.