Röhrbeinkondylus- und Fesselbeinfrakturen sind die häufigsten Gliedmaßenfrakturen bei Vollblütern und werden nachfolgend als Frakturen der distalen Gliedmaßen (FDG) zusammengefasst. FDGs wurden früher unter Vollnarkose osteosynthetisch versorgt, begleitet von hohen Verlustraten in der Aufwachphase infolge von Implantatversagen oder Trümmerbrüchen. Bei einer Stehend-Osteosynthese sind diese Verluste deutlich geringer. Insgesamt geht man nach einer osteosynthetischen Versorgung von FDGs am stehenden Pferd von einer Erfolgsaussicht von 75 % bezüglich einer erfolgreichen Rückkehr auf die Rennbahn aus. In der vorliegenden Studie sollte in einem nächsten Schritt auch die Rennleistung bewertet werden, und zwar in einer gepaarten Fall-Kontrollstudie mit Pferden ohne Frakturanamnese.
Hierzu wurden in einer angloamerikanischen Multicenterstudie Krankenakten von Pferden ausgewertet, die in einem Zeitraum von 10 Jahren aufgrund einer FDG im Stehen operiert worden waren. Die Rennergebnisse der Patienten entnahm man aus im Internet frei zugänglichen Renn-Datenbanken. Mit einem Zufallsgenerator wählte man jeweils zwei Kontroll-Rennpferde aus, deren letzte Rennen vor dem chirurgischen Eingriff der Patienten stattfanden. Die postoperativen Rennleistungen sollten dann paarweise verglichen werden. Insgesamt gingen Daten von 265 stehend operierten Pferden in die Auswertung ein. Deren medianes Alter betrug 3,5 Jahre zum Zeitpunkt der Frakturversorgung.
Die Frakturen betrafen das Fesselbein (44 %) und den lateralen (42 %) sowie medialen Kondylus (14 %). Pferde mit Fesselbeinfrakturen waren im durchschnittlichen Alter von 2,7 Jahren und damit jünger als Pferde mit lateralen Kondylusfrakturen, deren Alter im Durchschnitt bei 3,9 Jahren lag. Das Geschlecht der Pferde verteilte sich in abnehmender Häufigkeit auf Stuten (40 %), Wallache (38 %) und Hengste (22 %). Frakturen traten häufiger am Vorderbein (56 %) als am Hinterbein auf. Von den 265 operierten Pferden starteten 185 (70 %) nach dem Eingriff wieder bei Rennen. Die Rekonvaleszenzdauer betrug im Median 282 Tage. Bei Fesselbeinfrakturen am Vorderbein dauerte die Rekonvaleszenz mit durchschnittlich 330 Tagen signifikant länger als bei Fesselbeinfrakturen am Hinterbein mit durchschnittlich 284 Tagen.
Von den Kontrollpferden setzten 260 von 342 (76 %) ihre Rennkarriere fort. Somit gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied zu den operierten Pferden. Hinsichtlich der postoperativen Rennleistungen lag ebenfalls kein signifikanter Unterschied zwischen den Paaren hinsichtlich Zahl der Starts (n = 9/n = 9) und den Leistungsindizes Performance Index und Performance Index pro Rennen vor. Ob operierte Pferde nach dem Eingriff wieder an den Start gingen, blieb dabei von der Art der Fraktur, der Gliedmaßenlokalisation, vom Geschlecht und von der präoperativen Rennerfahrung unbeeinflusst. Bei medialen Kondylusfrakturen gingen Wallache (94 %) und Hengste (80 %) nach der Operation häufiger an den Start als Stuten (53 %). Pferde, die nach der Operation wieder an den Start gingen, waren mit durchschnittlich 3,2 Jahren signifikant jünger als Pferde mit durchschnittlich 4,1 Jahren, die nicht wieder an den Start gingen. Über alle Frakturtypen hinweg starteten Hengste im Median deutlich häufiger (11,5 Starts) als Stuten (6,5 Starts) und erzielten zudem einen signifikant höheren Performance Index (11) als Wallache (6) und Stuten (5). Die Rekonvaleszenzdauer war bei Stuten mit durchschnittlich 314 Tagen signifikant länger als bei Hengsten (261 Tage) und Wallachen (286 Tage). Die Autoren werten die Unterschiede bei Anzahl der Starts und Rekonvaleszenzdauer nach Geschlecht eher als Ausdruck unterschiedlicher Trainingspraxis denn als echten biologischen Geschlechtseffekt.
Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen die guten Resultate einer Osteosynthese am stehenden Pferd bei ausgewählten distalen Gliedmaßenfrakturen. Ältere Frakturen oder solche mit erheblicher Fragmentdislokation oder Pferde mit nicht angemessenem Temperament sollten weiterhin unter Vollnarkose versorgt werden. Kann der Eingriff erfolgreich im Stehen abgeschlossen werden, ist hinsichtlich der Fortsetzung, Dauer und Leistung keine Einschränkung in der weiteren Rennkarriere zu erwarten. Eine Hinterbeinfraktur als günstiger Prognosefaktor im Vergleich zu Vorderbeinfrakturen konnte in dieser Studie nicht bestätigt werden, was möglicherweise an der Fallauswahl für einen Stehend-Eingriff lag. Fehlende präoperative Rennerfahrung schien ebenfalls keinen Einfluss auf die weitere Rennkarriere zu haben, weshalb auch bei Pferden mit distalen Gliedmaßenfrakturen am Anfang ihrer Rennkarriere zu einer Stehend-Osteosynthese geraten werden kann. Was den Einfluss des Geschlechts betrifft, fließt bei Stuten die Option ein, die Rennkarriere zugunsten eines Zuchteinsatzes zu beenden. Ältere Pferde werden tendenziell ebenfalls eher aus der Rennkarriere genommen als jüngere, was anhand der vorliegenden Studie leistungsmäßig nicht begründbar ist. Bei den Kontrollpferden waren die Ursachen für ein Karriereende nicht bekannt, was die Validität der vorliegenden Ergebnisse einschränken könnte.
