Das Ligamentum sesamoideum distale impar ist Bestandteil des Podotrochlearapparates des Pferdes. Es handelt sich um ein dünnes, kurzes, aber relativ breit am distalen Strahlbeinrand inserierendes Band, das den Hufrollenknochen mit der Solearfläche des Hufbeins verbindet. Es spielt eine wichtige biomechanische Rolle in der Funktion des Strahlbeins und des Hufgelenks. Früher wurde angenommen, dass ausschließlich Veränderungen des Strahlbeins für das Navikularsyndrom verantwortlich sind. Neuere Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass auch angrenzende Weichteilstrukturen wie das Ligamentum impar beteiligt sein können. Seine genaue Bedeutung innerhalb des Podotrochlearapparates und im Besonderen bei Erkrankungen der palmaren distalen Zehe ist jedoch bislang nur unzureichend untersucht.
Bei Erkrankungen der palmaren distalen Zehe wird in der Routinediagnostik das Röntgen zur Darstellung der knöchernen Strukturen eingesetzt. Die Ultraschalluntersuchung der Weichteilgewebe ist durch die Hornkapsel stark eingeschränkt. Eine weiterführende bildgebende Diagnostik ist nur mit der Magnetresonanztomographie respektive der Computertomographie möglich. Auch diese sensitiven Verfahren bieten oft nicht die Auflösung, die für die Detektion früher histologischer Befunde notwendig wäre. Deshalb ist ein genaues Verständnis der normalen mikroskopischen Anatomie des Ligamentum sesamoideum distale impar notwendig, um spätere krankhafte Veränderungen beurteilen zu können und um die Pathophysiologie des Navikularsyndroms besser verstehen zu können. Die nachfolgende Studie untersuchte die histologischen Eigenschaften des Ligamentum sesamoideum distale impar (DSIL) bei jungen Vollblutrennpferden, Quarter Horses und bei älteren Quarter Horses. Das Ziel der Untersuchung war, die mikroskopische Struktur dieses Bandes zu beschreiben und zu untersuchen, ob Alter und Rasse die Größe und Anzahl der Blutgefäße, die Anzahl der Nervenfaserbündel sowie die Dichte von Kollagen- und Fettgewebe beeinflussen.
Die Probenentnahme erfolgte bei 42 Kadavern, von denen 19 Vollblutrennpferde, 11 junge Quarter Horses und 12 ältere Quarter Horses waren. Die jüngeren Pferde der ersten beiden Gruppen hatten ein mittleres Alter von fünf Jahren, während die älteren Quarter Horses ein mittleres Alter von 20 Jahren aufwiesen. Alle Pferde waren klinisch gesund und wurden aus Gründen, die nicht mit der Studie in Verbindung standen, euthanasiert. Kein Pferd wies vorberichtlich eine auf Erkrankungen der Strukturen im Hufbereich zurückzuführende Lahmheit auf. Nach der sorgfältigen Präparation und Entnahme der kompletten Bandeinheit wurden die Bandproben unmittelbar in gepuffertem Formalin fixiert. Anschließend erfolgte die histologische Aufarbeitung nach Standardverfahren. Die Gewebe wurden mit Hämatoxylin-Eosin-, Elastika- und Masson-Trichrom-Färbungen untersucht. Die gefärbten Schnitte wurden mikroskopisch fotografiert und mit der Software ImageJ ausgewertet. Für jede Probe wurden innerhalb eines standardisierten 3 × 3 mm großen Untersuchungsbereichs verschiedene Messungen durchgeführt. Bestimmt wurden der Durchmesser, die Wanddicke und die Lumenweite von Arterien und Venen. Zusätzlich wurde die Anzahl der Arterien, Arteriolen, Venen, Venolen und Nervenfaserbündel erfasst. Darüber hinaus wurde die relative Kollagendichte in drei Kategorien eingeteilt: weniger als 30 %, 30 bis 60 % und mehr als 60 % Kollagen. Ebenso wurde die Fettgewebsdichte in drei Kategorien bewertet: kein Fettgewebe, 1 bis 10 % Fettgewebe oder mehr als 10 % Fettgewebe.
Zwischen der linken und der rechten Vordergliedmaße konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Deshalb wurden die weiteren Auswertungen unabhängig von der Seite vorgenommen. Bei der Untersuchung der Größe der Blutgefäße zeigte sich, dass die Wanddicke der Venen bei Vollblütern etwa zwei- bis dreimal geringer war als bei den Quarter Horses. Für den Durchmesser und die Lumenweite der Arterien sowie für die Wanddicke der Arterien ergaben sich dagegen keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Der Venendurchmesser und die Lumenweite lagen bei den Vollblütern ungefähr 50 % unter den entsprechenden Werten der Quarter Horses, erreichten jedoch keine statistische Signifikanz.
Die Anzahl der Blutgefäße unterschied sich dagegen deutlich zwischen den untersuchten Gruppen. Die Gesamtzahl der Gefäße, einschließlich Venen, Venolen und Arteriolen, war unterschiedlich verteilt. Die älteren Quarter Horses wiesen die geringste Anzahl an Gefäßen auf. Zwischen jungen Quarter Horses und älteren Quarter Horses sowie zwischen Vollblütern und älteren Quarter Horses bestanden signifikante Unterschiede hinsichtlich der Anzahl der Venen. Auch zwischen jungen Quarter Horses und Vollblütern unterschieden sich die Venenzahlen. Die höchste Anzahl an Arteriolen wurde bei den Vollblütern gefunden. Ebenso besaßen die Vollblüter die höchste Anzahl an Venolen, während die älteren Quarter Horses die niedrigsten Werte aufwiesen. Zwischen den drei Pferdegruppen konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich der relativen Dichte der Kollagenfasern oder des Fettgewebes festgestellt werden. Ebenso unterschied sich die Anzahl der Nervenfaserbündel nicht signifikant zwischen den Gruppen.
Insgesamt zeigten sich keine wesentlichen Unterschiede hinsichtlich der Größe der Blutgefäße – mit Ausnahme der Venenwanddicke –, der Kollagen- und Fettgewebsdichte sowie der Anzahl der Nervenfaserbündel. Dagegen wurden deutliche Unterschiede in der Anzahl der Blutgefäße festgestellt. Die Autoren vermuten, dass es entweder eine altersbedingte Abnahme der Anzahl gibt oder dass die höhere Gefäßdichte bei den jüngeren Quarter Horses eine höhere biomechanische Belastung reflektiert. Eine verminderte Anzahl an Blutgefäßen bei älteren Pferden könnte ein erhöhtes Navikularsyndrom-Risiko in dieser Altersgruppe erklären. Das DSIL wies innerhalb des Podotrochlearapparates die höchste Dichte an Nervenfaserbündeln auf, gefolgt vom Strahlbein. In der tiefen Beugesehne und in der Synovialmembran des Strahlbeins fanden sich im Gegensatz hierzu weniger Nervenfaserbündel. Die reiche Nervenfaserversorgung des Bandes sollte bei Anästhesien des Hufs berücksichtigt werden. Betäubungen des Hufgelenks können neben der Bursa auch das impare Band betäuben.
