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  • Autoren: Shell K, Rijkenhuizen A B M, Vervuert I (2026)
  • Journal: Equine Veterinary Education
  • Zusammenfassung: vk

Das equine metabolische Syndrom (EMS) beschreibt eine Konstellation von Risikofaktoren, die ein Pferd für eine Hyperinsulinämie-assoziierte Hufrehe sowie weitere Erkrankungen prädisponieren, darunter kardiovaskuläre Veränderungen, präputiale und mammäre Ödeme, mesenteriale Lipome, inadäquate Laktation und Subfertilität. Beim Menschen wurde das metabolische Syndrom zusätzlich mit Hyperandrogenämie, erhöhten Anti-Müller-Hormon-Konzentrationen (AMH) und einem gesteigerten Krebsrisiko, unter anderem für Schilddrüsenkarzinome, in Verbindung gebracht. Ein solcher Zusammenhang wurde bei Stuten nach Kenntnis der Autoren bislang nicht beschrieben. Der vorliegende Bericht dokumentiert den Fall einer Stute mit EMS, Verhaltensänderungen, Anöstrie, Hyperandrogenämie, erhöhtem Serum-AMH und einer vergrößerten rechten Schilddrüse.

Vorgestellt wurde eine 15-jährige Deutsche Reitpony-Stute (ca. 460 kg) mit einjähriger Anamnese von Anöstrie und verändertem Verhalten, wodurch das Tier nicht mehr reitbar war. Vorherige Befunde zeigten intermittierend erhöhte AMH-Werte sowie eine vergrößerte rechte Schilddrüse bei erniedrigtem Serumjod. Ein Granulosa-Theka-Zell-Tumor (GCT) war vom überweisenden Tierarzt vermutet und eine Ovariektomie empfohlen worden. Die diagnostische Aufarbeitung umfasste eine klinische Allgemeinuntersuchung, eine transrektale Palpation und Sonographie von Uterus und Ovarien, eine sonographische Untersuchung der Schilddrüse mit Feinnadelaspiration (FNA) zur Zytologie sowie eine umfangreiche Serumbiochemie (AMH, Testosteron, Progesteron, ACTH, T3, fT4, Serumjod) und die Bestimmung des Jod-Kreatinin-Verhältnisses im Urin. Zur Abklärung einer Insulindysregulation (ID) wurde ein oraler Zuckertest (OST) mit 0,45 mL/kg Karo Light Corn Syrup nach vierstündigem Fasten durchgeführt mit Blutentnahmen vor Gabe des Sirups (Baseline) sowie 60 und 90 Minuten danach. Im Laufe der folgenden 3 Jahre erfolgten nach 8, 20, 34 und 50 Wochen Verlaufskontrollen.

Bei der Erstvorstellung wies die Stute einen Body Condition Score (BCS) von 6/9 mit regionalen Fettdepots an Schweifansatz und Hals auf. Palpation und Sonographie der Ovarien waren unauffällig (mehrere kleine Follikel < 2 cm). Die rechte Schilddrüse war auf ca. 10 cm vergrößert und stellte sich homogen dar; die FNA-Zytologie ergab eine Hyperplasie oder einen Schilddrüsentumor ohne nähere Differenzierung. Die Serumbiochemie zeigte ein erniedrigtes Serumjod und fT4, ein leicht erhöhtes AMH, erhöhtes Testosteron sowie erhöhtes Progesteron. ACTH und T3 lagen im Referenzbereich. Das Jod-Kreatinin-Verhältnis im Urin war erniedrigt, was auf einen Jodmangel hinwies. Der OST bestätigte eine ID mit deutlichem Insulinanstieg. Entsprechend dieser Ergebnisse lag EMS vor. Die Verhaltensänderungen wurden als Folge von Hyperandrogenämie und mildem AMH-Anstieg, möglicherweise sekundär zur ID, interpretiert.

Therapeutisch erfolgten eine bedarfsgerechte energiereduzierte Rationsanpassung aus 7 kg Wiesenheu (später Schnitt, 1,5 % KG) vermischt mit 0,5–1 kg Stroh, 200–500 g Luzernecobs, vitaminisiertem Mineralfutter (mit höherer Jodkonzentration) und einem Salzleckstein. Zusätzlich wurde Jod (1 mg Jod/Tag) über sechs Wochen ergänzt sowie ein Bewegungsprogramm (tägliches Führen, Longieren, Führanlage) durchgeführt. Bereits nach acht Wochen hatte die Stute ca. 50 kg abgenommen, zeigte verbessertes Verhalten, erneute Rosseanzeichen, und das AMH normalisierte sich. Ein wiederholter OST nach drei Monaten belegte eine verbesserte Insulinsensitivität.

Aufgrund fortschreitender sonographischer Veränderungen der Schilddrüse (Größenzunahme, zunehmende Heterogenität) und einer nicht auszuschließenden Malignität wurde eine rechtsseitige Thyreoidektomie durchgeführt; die Histopathologie bestätigte ein malignes Schilddrüsenkarzinom. Ein späterer Rückfall mit erneuter Gewichtszunahme (ca. 50 kg) durch reduzierte Bewegung und übermäßige Heufütterung führte zur Wiederkehr der Symptome und einer erneuten Verschlechterung der ID. Nach Wiederaufnahme von Bewegung und Diät verbesserte sich das Verhalten innerhalb eines Monats. Drei Jahre nach Erstvorstellung war die Stute regelmäßig reitbar, hatte physiologische Rosseanzeichen und wies unauffällige Hormonwerte auf.

Verhaltensänderungen, Arbeitsunwille, Hyperandrogenämie, erhöhtes AMH und erniedrigter Progesteronspiegel werden klassisch mit einem GCT assoziiert, wobei AMH als sensitivster Biomarker gilt. Im vorliegenden Fall sprachen jedoch die unauffällige Ovarbeurteilung, das erhöhte Progesteron und die nur geringgradige, fluktuierende AMH-Erhöhung gegen einen GCT. Analog zur Humanmedizin, wo Insulinresistenz und Hyperinsulinämie über eine gesteigerte ovarielle und adrenale Androgensekretion zu Hyperandrogenämie und über eine erhöhte Zahl kleiner Follikel zu erhöhtem AMH führen können, werteten die Autoren die Befunde als Folge der Hyperinsulinämie. Für diese Hypothese spricht, dass sich die Symptomatik allein durch Diät- und Bewegungsmanagement zurückbildete und beim Rückfall reproduzierbar wiederkehrte, was andere Ursachen erhöhter Androgene (PPID, adrenokortikaler Tumor, anabole Steroide) unwahrscheinlich macht.

Beim Menschen ist das metabolische Syndrom mit einem erhöhten Risiko für Schilddrüsenkrebs assoziiert. Dabei gelten Komponenten wie Insulinresistenz sowie veränderte Leptin- und Adiponektin-Spiegel als Einflussfaktoren. In bisherigen equinen Fallberichten wurde kein Zusammenhang zwischen Schilddrüsentumoren und EMS hergestellt. Ob das Karzinom im vorliegenden Fall mit dem EMS assoziiert war, bleibt spekulativ. Festzuhalten ist, dass sich das Verhalten und der Hormonspiegel der Stute vor Resektion der Schilddrüse normalisierten. Diskutiert wird ferner der nachgewiesene Jodmangel. Jod ist essenziell für die Schilddrüsenhormonproduktion; ein Mangel kann Schilddrüsenvergrößerung und über eine VEGF-vermittelte Angiogenese potenziell auch Tumorwachstum begünstigen. Zudem bestehen Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Jodstatus und Glukosestoffwechsel. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Schilddrüsenkarzinom, Jodmangel und EMS ließ sich jedoch nicht belegen. Der Fall dokumentiert das gemeinsame Auftreten von EMS, Verhaltensänderungen, Hyperandrogenämie und einem Schilddrüsenkarzinom bei einer Stute.