Die Ganzkörpervibrationstherapie (Whole-Body Vibration, WBV) wird bei Menschen und Pferden zur Schmerzlinderung sowie zur Verbesserung oder Erhaltung von Muskelkraft und Rumpfstabilität eingesetzt. Dabei erzeugt eine Vibrationsplattform schnelle Schwingungen, die reflektorische Muskelkontraktionen und -relaxationen auslösen. Beim Pferd wurden die Auswirkungen der WBV unter anderem auf Hufwachstum, biochemische Parameter, chronische Lahmheit und die Querschnittsfläche des Musculus multifidus untersucht, wobei die Ergebnisse uneinheitlich waren. Nach Anwendung über einen längeren Zeitraum wurden eine Vergrößerung der Querschnittsfläche des Musculus multifidus und ein gesteigertes Hufwachstum beschrieben, während bei chronischer Hinterhandlahmheit kein positiver Effekt festgestellt wurde. Einheitliche Behandlungsprotokolle für Pferde existieren bislang nicht.
In einer aktuellen Studie erhielten Pferde mit thorakolumbalen Schmerzen über vier Wochen an fünf Tagen pro Woche jeweils 30 Minuten WBV. Während der ersten 14 Behandlungstage nahm die Rückenschmerzhaftigkeit zunächst zu. Nach 30 Tagen waren die thorakolumbalen Schmerzen hingegen signifikant reduziert und die Querschnittsfläche des Musculus multifidus signifikant vergrößert. Beim Menschen wurden bereits nach wenigen WBV-Anwendungen schmerzlindernde Effekte beschrieben. Beim Pferd wurde die Schmerzhaftigkeit bislang jedoch frühestens 24 Stunden nach der ersten Behandlung untersucht. Ein möglicher unmittelbarer analgetischer Effekt der WBV bei Pferden mit thorakolumbalen Schmerzen ist daher nicht bekannt. Ziel der vorliegenden Studie war es, die unmittelbare Wirkung der WBV auf thorakolumbale Schmerzen beim Pferd zu untersuchen. Die Hypothese war, dass die Schmerzhaftigkeit unmittelbar nach der Behandlung signifikant abnimmt.
In die Studie wurden acht universitätseigene Pferde im Alter von 6 bis 20 Jahren (Median 14 Jahre) eingeschlossen, darunter vier Vollblüter, drei Warmblüter und ein Quarter Horse sowie drei Stuten und fünf Wallache. Die Pferde waren seit mindestens sechs Monaten ausschließlich auf der Weide gehalten und nicht gezielt trainiert worden. Einschlusskriterium war eine bei Palpation auslösbare gering-, mittel- oder hochgradige Schmerzreaktion im Bereich der thorakolumbalen Wirbelsäule und/oder der epaxialen Muskulatur. Die Palpation wurde bei allen Pferden durch denselben Diplomate des American College of Veterinary Sports Medicine and Rehabilitation (ACVSMR) durchgeführt. Pferde mit einer Lahmheit > Grad 3/5 nach AAEP-Skala wurden ausgeschlossen. Die Dornfortsätze der thorakolumbalen Wirbelsäule wurden röntgenologisch untersucht. Zusätzlich erfolgte eine ultrasonographische Beurteilung der thorakolumbalen Facettengelenke von T18/L1 bis L5/L6 sowie des M. multifidus und M. longissimus.
Pathologische Veränderungen wurden auf einer Skala von 0 (keine Pathologie) bis 5 (hochgradig) bewertet. Die mechanische nozizeptive Schwelle (MNT) wurde mittels digitalem Druckalgometer beidseits etwa 2 cm lateral der Mittellinie auf Höhe von T13, T18, L3, L6 und S2 bestimmt. Als Schwellenwert galt der applizierte Druck beim erstmaligen Auftreten einer Abwehrreaktion, definiert als Muskelfaszikulation, Schweifschlagen oder Anlegen der Ohren. Je Messpunkt wurden drei Messungen durchgeführt und gemittelt. Die MNT wurde unmittelbar vor, unmittelbar nach sowie 24 Stunden nach der WBV bestimmt. Nach intravenöser Gabe von Acepromazin (0,02 mg/kg) erfolgte einmalig eine 30-minütige vertikale WBV mit 40 Hz, 0,8 mm Amplitude und 4,9 m/s² Beschleunigung.
Alle acht in die Studie eingeschlossenen Pferde wiesen an allen vier Gliedmaßen einen Lahmheitsgrad von ≤ 3/5 auf. Bei vier der acht Pferde zeigten die Röntgenaufnahmen an einer oder mehreren Lokalisationen Hinweise auf eine Annäherung bzw. ein Impingement der thorakolumbalen Dornfortsätze. Bei allen acht Pferden wurden osteoarthrotische Veränderungen der kaudalen thorakalen und lumbalen Facettengelenke festgestellt. Die über alle untersuchten Lokalisationen gemittelte mechanische nozizeptive Schwelle (MNT) war unmittelbar nach der Ganzkörpervibrationstherapie (WBV) durchschnittlich 0,2-fach höher als vor der Behandlung, der Unterschied war allerdings nicht signifikant. Nach 24 Stunden war die MNT dagegen durchschnittlich 2-fach niedriger als der Ausgangswert; der Unterschied war signifikant. Zwischen den untersuchten Messlokalisationen bestanden signifikante Unterschiede der MNT, jedoch keine signifikante Interaktion zwischen Lokalisation und Messzeitpunkt.
Das Vorliegen und der Schweregrad der bildgebend festgestellten Rückenveränderungen hatten keinen signifikanten Einfluss auf die mittlere MNT. Auch zwischen dem kumulativen bildgebenden Befundscore und der MNT bestand weder insgesamt noch an einzelnen Messlokalisationen oder Messzeitpunkten ein signifikanter Zusammenhang. Die Ganzkörpervibrationstherapie (WBV) führte bei Pferden mit thorakolumbalen Schmerzen unmittelbar nach der Anwendung zu keiner signifikanten Verbesserung der mechanischen nozizeptiven Schwelle (MNT) und verstärkte die Schmerzen 24 Stunden nach einer einmaligen Behandlung. Daher sollte die kurzfristige Anwendung der WBV bei Pferden mit thorakolumbalen Schmerzen mit Vorsicht erfolgen.
