Griffelbeine frakturieren aufgrund ihrer exponierten Lage und eines kaum vorhandenen Weichteilmantels relativ oft. Mittlere und distale Griffelbeinfrakturen sind durch partielle Ostektomie prognostisch günstig behandelbar. Proximale Griffelbeinfrakturen sind aufgrund einer möglichen Beeinträchtigung der Art. carpometacarpea sive tarsometatarsea prognostisch weniger günstig behandelbar. Konservative Behandlungsmaßnahmen von proximalen Griffelbeinfrakturen können mit vermehrter Kallusbildung einhergehen oder in einer Pseudarthrose oder einer Arthrose der o. g. Gelenke enden. Zu den chirurgischen Maßnahmen von proximalen Griffelbeinfrakturen gehört eine partielle proximale Ostektomie, die über den Zug des Kollateralbandes zu einer Dislokation des proximalen Griffelbeinstumpfes mit nachfolgender Instabilität der karpometakarpalen oder tarsometatarsalen Gelenke führen kann, ebenso wie dies nach vollständiger Resektion eines Griffelbeins mit dazu erforderlicher Durchtrennung des Kollateralbandes zu erwarten ist.
Verschraubungen halten meist den Rotationskräften auf das proximale Fragment nicht stand. Deshalb gilt mittlerweile die Plattenosteosynthese als bevorzugte Behandlungsmaßnahme von proximalen Griffelbeinfrakturen, allerdings mit eingeschränkten Erfolgsquoten um die 54 – 76 %, was die spätere sportliche Nutzung betrifft. In der vorliegenden retrospektiven klinischen Studie wurden eine Operationstechnik und deren klinische Langzeitergebnisse bei Pferden mit proximalen Griffelbeinfrakturen unter Verwendung einer 3,5 mm - LCP beschrieben.
Die Studie basierte auf der Auswertung der Krankenakten von 7 Pferden mit proximalen Griffelbeinfrakturen. Nach klinischer und röntgenologischer Untersuchung der Röhre in vier Ebenen sowie nach sonographischer Untersuchung des Fesselträgers und umliegender Weichteile wurden die Pferde in Narkose gelegt und in Seitenlage mit der betroffenen Gliedmaße nach oben positioniert. Der operative Zugang erfolgte über einen Längsschnitt knapp palmar und lateral über dem betroffenen Griffelbein. Das Unterhautgewebe wurde zur Seite geschoben und unter Erhalt des Periosts der betroffene Knochen freigelegt. Es folgte ein Debridement von avitalem Knochen und gegebenenfalls die Abtragung überschüssiger Kallusformationen.
Daraufhin konturierte man eine schmale 3,5 mm - Verriegelungsplatte (LCP, locking compression plate) auf die freiliegende Kontur des Griffelbeins und verschraubte die Platte mit Verriegelungs- und mit Kortikalisschrauben im Griffelbein oder zur weiteren Stabilisierung auch im Röhrbein. Die systemische und alle 2 h intraoperativ wiederholte Antibiose mit Amoxicillin und Gentamicin wurde durch eine regionale intravenöse Antibiose mit Amikacin über die V. cephalica oder V. saphena ergänzt. Die gesamte Gliedmaße wurde bis zur Entlassung durch einen dick gepolsterten Kompressionsverband unterstützt. Die regionale intravenöse Antibiose wurde während des stationären Aufenthalts 2- bis 3-mal sowie nochmals bei Fadenentfernung (12–14 Tage postoperativ) wiederholt, die systemische Antibiose mit Amoxicillin und Gentamicin bis zur Normalisierung des SAA-Wertes fortgesetzt und die Gabe von Flunixin bis zu 2 Wochen fortlaufend gegeben. Nach der Entlassung sollten 6 Wochen Boxenruhe eingehalten, die Pferde dann 6 Wochen an der Hand geführt und bis zur klinischen und röntgenologischen Frakturheilung wiederholt verlaufskontrolliert werden, um Freigabe für den weiteren Bewegungsaufbau zu erteilen. Informationen zum weiteren Verlauf erhielt man von den überweisenden Kollegen oder telefonisch von den Besitzern.
Bei den 7 Pferden dieser Fallsammlung handelte es sich um 4 Stuten und 3 Wallache im Alter von 3 - 14 Jahren, die im Freizeitsport (3), in der Dressur (2) oder im Springen (2) im Einsatz waren. In 6 Fällen war ein äußeres Griffelbein an der Hintergliedmaße betroffen, in einem Fall ein laterales Griffelbein an der Vordergliedmaße. Die Frakturen waren offen (4) oder geschlossen (3) und Folge einer Trittverletzung oder unbeobachteten Verletzung auf der Weide. Pferde mit offener Verletzung waren durchweg vorbehandelt. Das Zeitintervall vom Frakturereignis bis zur endgültigen chirurgischen Versorgung betrug 4 – 24 Tage.
Die Frakturen selbst lieferten ein variables Konfigurationsspektrum. Dementsprechend variierte die Plattenlänge zwischen 8 Loch und 10 Loch. Drei Schrauben implantierte man bis in das Röhrbein. In 2 Fällen musste ein größeres avitales Griffelbeinsegment entfernt werden. Der Fesselträger wies nur in einem Fall sonographische Faserdefekte auf. Die stationäre Aufenthaltsdauer betrug 12 – 36 Tage. In dieser Zeit kam es in einem Fall zu einer Wundsekretion, die nach Abnahme eines bakteriellen Abstrichs mit Marbofloxacin beherrschbar war, während sonst in 2 Fällen selbstlimitierende Wundserome auftraten.
Röntgenkontrollen bei Entlassung bestätigten stabile Frakturverhältnisse in allen Fällen. Ebenso erreichten alle Pferde ihr früheres oder höheres Leistungsniveau 4 – 18 Monate nach der Operation. Bei einem Fall mit Schraubeninsertion ins Röhrbein war erst die Entfernung des Implantatmaterials diesbezüglich zielführend. Bei einem anderen Fall wurde eine anhaltende Lahmheit mit einem Fesselträger-Impingement durch postoperative periostale Reaktionen am Griffelbein in Verbindung gebracht. In diesem Fall ging das Pferd nach Implantat-Entfernung und nach partieller Ostektomie des Griffelbeins proximal der periostalen Proliferationen lahmheitsfrei. Ein Freizeitpferd entwickelte eine Pseudarthrose, ein anderes Freizeitpferd eine Arthrose der Art. tarsometatarsea. Beide Pferde konnten dennoch geritten werden.
Diese Fallsammlung beschreibt eine erfolgreiche Behandlung in allen Fällen, auch wenn bei 2 Pferden weitere chirurgische Eingriffe notwendig waren. Trotz hohem Anteil an offenen Frakturen trat nur in einem Fall eine Wundinfektion in Erscheinung, die nach Umstellung der Antibiose abklang. Die Rekonvaleszenzdauer zog sich in dieser Studie aufgrund eines vorsichtigen Bewegungsaufbaus relativ lange hin. Inwieweit dies erforderlich war, wurde nicht näher erörtert. Ebenso konnte nicht objektiviert werden, wann ein Einbringen der Schrauben in das Röhrbein angezeigt ist, um die Stabilität der Osteosynthese zu verbessern. Möglicherweise ließ sich dies durch ein präoperatives CT näher eingrenzen. LCPs gewährleisten gegenüber anderen Plattensystemen eine höhere Winkelstabilität bei geringerer Kompression auf die Knochenoberfläche und lassen sich weichteilschonender einbringen. Bevor die Autoren die Verwendung einer 3,5 mm – LCP bei proximalen Griffelbeinfrakturen als neue Behandlungsmethode der Wahl ansehen, raten sie zu prospektiven Vergleichsstudien mit anderen Methoden an größeren Populationen.
