Ein 6-jähriger Vollblutwallach mit einem Körpergewicht von 610 kg wurde am Ontario Veterinary College – Health Sciences Centre aufgrund von Lethargie, plötzlich auftretenden Atemgeräuschen der oberen Atemwege sowie Dysphagie vorgestellt. Bei der Aufnahme war das Pferd ruhig, aufmerksam und reagierte adäquat auf äußere Reize. Die klinische Untersuchung ergab eine erhöhte Atemfrequenz von 24 Atemzügen pro Minute sowie eine erhöhte Körpertemperatur von 39,1 °C. Darüber hinaus wurden ausgeprägte tracheale Rasselgeräusche, beidseits verstärkte bronchovesikuläre Atemgeräusche und ein geringgradiger beidseitiger Nasenausfluss mit Futterbestandteilen festgestellt. Das Pferd war ausreichend hydriert und zeigte keine periphere Lymphadenopathie oder Gesichtsasymmetrie. Die neurologische Untersuchung einschließlich der Beurteilung der Hirnnervenfunktion ergab keine Auffälligkeiten. Zur weiterführenden Diagnostik wurden eine röntgenologische Untersuchung des Schädels sowie eine endoskopische Untersuchung der oberen Atemwege durchgeführt. In den lateralen Schrägaufnahmen des Schädels wurden beidseitige, dislozierte Querfrakturen der Stylohyoidknochen festgestellt. Die Frakturen zeigten sich als quer verlaufende radioluzente Linien innerhalb der Diaphyse beider Knochen.
Die endoskopische Untersuchung der oberen Atemwege ergab einen ausgeprägten dorsalen und lateralen Kollaps des Pharynx. Diese Befunde deuteten auf eine Dysfunktion des Zungenbeinapparates mit möglicher Beteiligung des Nervus glossopharyngeus und des Musculus stylopharyngeus hin, die beide für Atmung und Schluckakt essenziell sind. Weitere relevante Veränderungen der oberen Atemwege wurden nicht beschrieben. Zunächst erfolgte eine konservative Behandlung mit Trimethoprim-Sulfamethoxazol (30 mg/kg KM p.o., zweimal täglich) über einen Zeitraum von 15 Tagen sowie Flunixin-Meglumin (1,1 mg/kg KM i.v., zweimal täglich) über 8 Tage. Unter dieser Therapie bildeten sich die klinischen Symptome zunächst zurück.
Drei Monate später kam es jedoch zu einem Wiederauftreten der klinischen Beschwerden. Kontrollröntgenaufnahmen zeigten zu diesem Zeitpunkt weiterhin keine Anzeichen einer Frakturheilung. Gleichzeitig waren der Pharynxkollaps und die Dysphagie erneut aufgetreten. Daraufhin wurde eine stufenweise chirurgische Therapie in Form einer rechtsseitigen Ceratohyoid-Basihyoid-Disartikulation durchgeführt. Ziel des Eingriffs war es, die auf die Stylohyoidknochen wirkenden mechanischen Kräfte zu reduzieren und damit die Frakturheilung zu unterstützen. Aufgrund des zunächst ungewissen Operationserfolgs wurde auf eine sofortige beidseitige Durchführung verzichtet. Postoperativ erhielt das Pferd über zwei Monate eine weiche Fütterung aus eingeweichten Pellets und Heucobs. Bei den Nachuntersuchungen zeigten beide Stylohyoidfrakturen eine vollständige röntgenologische Heilung. Gleichzeitig war der zuvor dokumentierte dorsale und laterale Pharynxkollaps endoskopisch nicht mehr nachweisbar. Aufgrund der deutlichen klinischen und bildgebenden Verbesserung wurde auf die ursprünglich geplante linksseitige Disartikulation verzichtet.
Die Ursache der beidseitigen Stylohyoidfrakturen konnte nicht festgestellt werden. Im Gegensatz zu zuvor beschriebenen Fällen lagen weder Hinweise auf ein Trauma noch auf eine Infektion vor. Der Fall zeichnete sich durch das Auftreten eines ausgeprägten Pharynxkollapses bei beidseitigen Stylohyoidfrakturen aus, ohne dass weitere Auffälligkeiten der oberen Atemwege nachgewiesen wurden.
