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  • Autoren: Lewicka A J, Soczyńska J, Samsel J (2026)
  • Journal: Equine Veterinary Education
  • Zusammenfassung: aa

Das West-Nil-Virus, ein einzelsträngiges RNA-Virus aus der Familie der Flaviviridae, breitet sich seit einigen Jahren zunehmend in Europa aus. Vögel bilden das eigentliche Reservoir, während Pferde und Menschen lediglich zufällige Endwirte darstellen, in denen die Viruslast für eine erneute Übertragung durch Stechmücken nicht ausreicht. Klimatische Veränderungen und die Ausbreitung geeigneter Culex-Vektoren haben dazu geführt, dass die Erkrankung längst nicht mehr auf Südeuropa beschränkt ist. Nachdem im August 2024 in Warschau verendete Rabenvögel positiv getestet worden waren, wurden erstmals Pferde in Polen mit einer neuroinvasiven Form der Infektion vorgestellt. Der vorliegende Bericht schildert Verlauf und Behandlung von drei solchen bestätigten Fällen.

Zwischen September und Dezember 2024 gelangten drei Pferde mit subakut bis akut einsetzenden neurologischen Ausfällen in eine Klinik in Zentralpolen. Im Vordergrund standen eine ausgeprägte Ataxie sowie eine Schwäche der Hintergliedmaßen. Zwei Tiere stammten aus der Woiwodschaft Masowien, eines aus dem nördlichen Pommern; ein Aufenthalt in Endemiegebieten lag bei keinem vor. Neben der klinischen und neurologischen Untersuchung wurden ein Blutbild, eine Serumbiochemie, Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule sowie rektale und sonografische Untersuchungen durchgeführt, um traumatische und anatomische Ursachen auszuschließen. Der Verlauf wurde anhand des Serum-Amyloid-A-Spiegels sowie mittels Anti-WNV-IgM-Bestimmung im ELISA verfolgt. Bei allen drei Tieren zeigte sich eine hochgradige Hintergliedmaßenataxie Grad 4 bis 5 nach Mayhew; Fieber bestand bei Aufnahme nicht.

Ein dreijähriger Warmbluthengst wurde zunächst unter dem Verdacht einer Herpes-Myeloenzephalopathie mit Kortikosteroiden, Antikoagulanzien, Valaciclovir, Infusionen und Dimethylsulfoxid behandelt. Der Zustand des Pferdes verschlechterte sich, sodass es eine Aufhängung benötigte. Nachdem beim Hengst der EHV1-Nachweis negativ und der Anti-WNV-IgM-Befund positiv ausgefallen war, erfolgte eine postexpositionelle Impfung mit Equilis West Nile® (MSD Tiergesundheit). Das Tier erholte sich allmählich und konnte neun Tage nach der Aufnahme wieder selbstständig stehen. Drei Wochen nach der ersten Impfung erhielt es eine zweite Dosis und wurde nach insgesamt 25 Tagen aus der Klinik entlassen. Fünf Monate nach der Entlassung war es vollständig wiederhergestellt und wieder unter dem Sattel im Einsatz.

Ein neunzehnjähriger Araberwallach erhielt neben einer unterstützenden Behandlung am dritten Tag nach der Klinikeinweisung eine postexpositionelle Impfung mit Equip West Nile® (Zoetis). Nach einer erneuten klinischen Verschlechterung neun Tage nach der Klinikeinweisung wurden ihm zwei Liter Plasma eines geimpften Spenders verabreicht. Innerhalb von 36 Stunden nach der Plasmatransfusion trat eine deutliche Besserung ein; das Tier konnte nach zwanzig Tagen entlassen werden. Beim dritten Pferd, einem dreijährigen Kaltblutwallach, kamen eine Impfung und eine erste Plasmatransfusion bereits bei der Aufnahme zum Einsatz; weitere Plasmatransfusionen erfolgten im Verlauf der Behandlung. Trotz vorübergehender Stabilisierung schritt die Enzephalomyelitis fort, sodass das hochgradig beeinträchtigte Tier euthanasiert werden musste.

Das für die Transfusionen verwendete Plasma stammte von Spendern, die zweimal im Abstand von drei Wochen gegen das West-Nil-Virus geimpft und zuvor als hepacivirusfrei bestätigt worden waren. Da im Handel erhältliches Plasma üblicherweise keine spezifischen Antikörper enthält, musste es eigens gewonnen werden. Die vollständige Gewinnung des immunisierten Plasmas beansprucht mindestens sechs Wochen, weshalb das erste Pferd keine Transfusion erhielt. Der Serum-Amyloid-A-Spiegel schien den klinischen Verlauf eng widerzuspiegeln: Er stieg mit fortschreitenden Ausfällen an und sank während der Genesung, was diesen Parameter als nützliches Instrument zur Verlaufskontrolle nahelegt. Die IgM-Werte nahmen nach der Plasmagabe nicht zu, da geimpfte Spender vorwiegend IgG bereitstellen.

Angesichts der geringen Fallzahl, des beobachtenden Charakters des Fallberichts und der gleichzeitigen Anwendung mehrerer Behandlungsmaßnahmen lässt sich der Beitrag der einzelnen Maßnahmen nicht sicher trennen. Hinzu kommt, dass die Diagnose nicht durch einen Neutralisationstest bestätigt wurde. Da die Virämie beim Pferd nur wenige Tage anhält und bei Auftreten neurologischer Zeichen meist bereits abgeklungen ist, bleibt der Nutzen der postexpositionellen Impfung fraglich. Die geschilderten Fälle unterstreichen die Bedeutung einer frühzeitigen, intensiven und multimodalen Behandlung, noch bevor die endgültige Diagnose feststeht. Da die neuroinvasive Form nunmehr auch in Mittel- und Nordeuropa auftritt, sollte sie bei Pferden mit neurologischen Störungen als Differenzialdiagnose bedacht werden. Die Impfung bleibt die wirksamste Schutzmaßnahme und sollte in betroffenen Regionen empfohlen werden. Prospektive Studien sind erforderlich, um Wert und optimalen Zeitpunkt der Plasmatransfusion sowie eine spezifische Therapie zu klären.