Apikale Infektionen der Backenzähne können beim Pferd schwerwiegende Folgen wie odontogene Sinusitis, Fistelbildung, Gesichtsschwellungen und schmerzbedingte Verhaltensänderungen verursachen. Die traditionell angewandte Zahnextraktion ist mit Komplikationsraten von 13,6–80 % verbunden und kann langfristig zu einem Meißelzahn des Antagonisten führen sowie Diastemabildung und sekundäre Parodontalerkrankungen begünstigen. Die orthograde endodontische Behandlung stellt eine zahnerhaltende Alternative dar, weist jedoch publizierte Erfolgsraten von 44–85 % auf. Konventionell wird Calciumhydroxidpaste (CHP) als Wurzelkanalfüllmaterial eingesetzt. Da CHP löslich ist, muss sie durch eine okklusale Kompositrestauration geschützt werden. Aufgrund der kontinuierlichen Eruption und Attrition der Pferdezähne kann die CHP im Laufe der Zeit exponiert werden und eine erneute endodontische Behandlung erforderlich machen. Calciumsilikatzemente (CSC) härten dagegen innerhalb des Zahnes aus und können den Wurzelkanal auch nach Verlust der okklusalen Restauration weiterhin verschließen.
Aufgrund ihrer bisherigen Verarbeitungseigenschaften, ihres Abbindeverhaltens und ihrer Kosten war ihre Anwendung bei Pferden jedoch eingeschränkt. Daher wurde ein speziell für equine Backenzähne nutzbarer, fließfähiger Calciumsilikatzement (eCSC) entwickelt, der mittels Spritze in das komplexe Wurzelkanalsystem appliziert werden kann. In einer vorausgegangenen In-vitro-Studie an zehn extrahierten equinen Backenzähnen zeigte eCSC ein mit CHP vergleichbares Füllvolumen sowie histologisch eine Penetration in die Dentintubuli und die wahrscheinliche Bildung einer mineralisierten Grenzschicht. Ziel der vorliegenden Studie war es, die klinischen Ergebnisse der orthograden endodontischen Behandlung mit eCSC bei Pferden eines einzelnen Überweisungszentrums zu beschreiben.
In diese anonymisierte retrospektive Studie wurden Pferde eingeschlossen, die zwischen Oktober 2020 und März 2026 im Dental Vet, Perth, Australien, mittels orthograder endodontischer Therapie unter Verwendung eines speziell für Pferde entwickelten Calciumsilikatzements (eCSC) behandelt worden waren. Die endodontische Behandlung wurde als Alternative zur Extraktion bei mindestens einer nicht vitalen Pulpaexposition und bildgebend nachgewiesener apikaler Infektion angeboten. Ausschlusskriterien waren unter anderem ein erhöhtes Frakturrisiko, beispielsweise bei mindestens drittgradiger Infundibularkaries beider Infundibula, sowie ein erheblicher Verlust der klinischen Krone nach Zahnfraktur. Pferde unter sechs beziehungsweise über 20 Jahren wurden in der Regel nicht endodontisch behandelt. Eine aktive Sinusitis stellte keine Kontraindikation dar. Für die Studie war eine Nachbeobachtungszeit von mindestens zwölf Monaten erforderlich. Fälle mit vollständigen Dentinbrücken ohne apikale Infektion wurden ausgeschlossen.
Alle Eingriffe erfolgten durch dieselbe Behandlerin am stehenden, sedierten Pferd. Die Sedierung erfolgte mittels kontinuierlicher Infusion von Detomidin-Butorphanol oder Detomidin-Morphin. Abhängig vom Reinigungs- und Desinfektionserfolg wurde die Behandlung in einer oder in zwei Sitzungen durchgeführt. War eine ausreichende Reinigung in der ersten Sitzung nicht möglich, wurden die Kanäle vorübergehend mit Calciumhydroxidpaste und Calciumhydroxidzement versorgt und nach einigen Wochen erneut behandelt. Nach Herstellung des okklusalen Zugangs wurde die Arbeitslänge radiologisch mittels endodontischer Feilen beziehungsweise später anhand computertomographischer Aufnahmen bestimmt. Die chemomechanische Aufbereitung umfasste eine Spülung mit 2%igem Natriumhypochlorit unter Anwendung eines Unterdrucksystems, EDTA-haltiges Feilengleitmittel sowie die mechanische Reinigung und Formgebung mit Bürsten, rotierenden und reziproken Nickel-Titan-Instrumenten. Anschließend wurden die Kanäle mittels Absaugung und Papierspitzen getrocknet.
Der eCSC wurde als injizierbare Paste angemischt, möglichst weit apikal in die Wurzelkanäle eingebracht und während des Zurückziehens der Kanüle kontinuierlich appliziert. Die Verdichtung erfolgte mit Lentulo-Spiralen, H-Feilen und Baumwolltupfern. Okklusal blieben etwa 10 mm des Kanals ungefüllt. Anschließend erfolgte der Verschluss mit Komposit unter Verwendung eines Adhäsivsystems. Klinische und radiologische Kontrollen wurden nach neun bis zwölf Monaten und anschließend alle ein bis zwei Jahre durchgeführt. Besonderes Augenmerk galt dem okklusalen Verschluss, da der eCSC infolge der kontinuierlichen Eruption und Attrition meist nach etwa zwei bis drei Jahren exponiert wurde. In diesen Fällen wurde die okklusale Restauration ersetzt. In späteren Fällen ergänzte die Computertomographie die radiologische Verlaufskontrolle. Bei ausgewählten Fällen erfolgten zusätzlich histologische Untersuchungen. Der Behandlungserfolg wurde anhand klinischer, bildgebender und gegebenenfalls histologischer Kriterien beurteilt. Als Erfolg galten das Verschwinden beziehungsweise Fehlen klinischer Symptome, ein erhaltener okklusaler Verschluss sowie stabile oder verbesserte periapikale Befunde. Als Misserfolg wurden persistierende oder rezidivierende klinische Symptome, neue nicht vitale Pulpaexpositionen sowie persistierende oder fortschreitende periapikale Veränderungen beziehungsweise Fistelbildungen gewertet.
Im Studienzeitraum wurden bei zehn Pferden, fünf Wallachen und fünf Stuten im Alter von 9 bis 23 Jahren, insgesamt 15 endodontische Behandlungen an Backen- oder Schneidezähnen unter Verwendung von eCSC durchgeführt. Sieben Behandlungsfälle bei sieben Pferden wiesen eine Nachbeobachtungszeit von mehr als zwölf Monaten auf und wurden in die Auswertung einbezogen. Bei allen sieben Zähnen lagen nicht vitale Pulpaexpositionen sowie röntgenologische Hinweise auf eine apikale Infektion vor. Bei einem Fall erfolgte zusätzlich eine computertomographische Untersuchung. Als klinische Symptome wurden bei einem Pferd Wickelkauen und bei einem weiteren odontogener Nasenausfluss festgestellt. Bei einem weiteren Pferd zeigte die CT-Untersuchung einen Fistelgang als Hinweis auf ein beginnendes klinisches Geschehen. Drei Behandlungen wurden in einer Sitzung abgeschlossen, vier erfolgten in zwei Sitzungen im Abstand von zwei bis vier Wochen.
Sechs der sieben Fälle wurden bei Nachbeobachtungszeiten zwischen 16 Monaten und mehr als fünf Jahren als erfolgreich eingestuft. Dabei handelte es sich um fünf Backenzähne und einen Schneidezahn. Bei allen erfolgreichen Fällen bildeten sich die klinischen Symptome zurück und die periapikalen Veränderungen zeigten sich in den Röntgenaufnahmen verbessert beziehungsweise stabil. Bei einem Pferd dokumentierten CT-Untersuchungen während und nach der Behandlung die fortschreitende Abheilung eines kleinen, mit dem Sinus kommunizierenden Fistelgangs. Ein Fall wurde als Misserfolg eingestuft, da benachbarte, unbehandelte Pulpakanäle okklusal eröffnet waren und röntgenologisch keine Heilung nachgewiesen werden konnte. Der Zahn wurde daraufhin extrahiert. Bei diesem Pferd waren über einen Zeitraum von sechs Jahren nicht vitale Pulpaexpositionen mit apikalen Infektionen an insgesamt fünf Backenzähnen aufgetreten. Später wurde eine Dysfunktion der Pars intermedia der Hypophyse (PPID) diagnostiziert.
Bei zwei Fällen erfolgte eine histologische Untersuchung. Im erfolglosen Fall zeigten sich eine unvollständige mechanische Aufbereitung sowie verbliebenes nekrotisches Pulpagewebe, Futterbestandteile und bakterielle Kontamination in unzureichend behandelten Pulpaabschnitten. Ein anderer Pulpakanal desselben Zahnes wies dagegen eine ausreichende Obturation und Apexifikation auf. Keine Hinweise auf eine aktive Infektion oder entzündliche Infiltrate wurden bei einem erfolgreich versorgten Zahn im periapikalen Bereich, im Parodontalspalt und im umgebenden Alveolarknochen festgestellt. Das Parodontalligament zeigte eine normale Morphologie. Eine unerwünschte Gewebereaktion auf eCSC wurde nicht festgestellt.
Als Vorteile von eCSC gegenüber CHP werden insbesondere die geringere Löslichkeit, gute Abdichtung und Biokompatibilität sowie die Fähigkeit zur Penetration der Dentintubuli und Förderung der Mineralisation beschrieben. Limitationen der Studie umfassen insbesondere die geringe Fallzahl, heterogene Nachbeobachtungszeiträume und Untersuchungsmethoden sowie die begrenzte Verfügbarkeit computertomographischer Verlaufskontrollen. Die orthograde endodontische Behandlung mit eCSC kann zu langfristigem klinischem Erfolg führen; CT- und histologische Befunde eines Falls sprechen für eine biologische Heilung. Die Ergebnisse unterstützen weitere prospektive Studien mit standardisierter Fallauswahl, einheitlichen Erfolgskriterien und Nachuntersuchungen, um Indikationen, Kontraindikationen und die Vorhersagbarkeit der Behandlung mit eCSC genauer zu bestimmen.
