gpm fachliteratur kompakt logo

 

  • Autoren: Gozalo-Marcilla M, Redondo J I, Taylor MP, Domenech L, Doménech J, Johnston G M, Bettschart-Wolfensberger R (2026)
  • Journal: Equine Veterinary Journal
  • Zusammenfassung: sg

Die Sedierung am stehenden Pferd wird zunehmend als Alternative zur Allgemeinanästhesie eingesetzt, da insbesondere die mit der Aufwachphase verbundenen Risiken wie Frakturen, Neuropathien und Myopathien vermieden werden können. Während eine aktuelle Untersuchung für Pferde unter Allgemeinanästhesie (The Confidential Enquiry into Perioperative Equine Fatalities 4 – CEPEF4) eine Mortalität von 1,2 % innerhalb von sieben Tagen zeigte, lagen bislang nur wenige belastbare Daten zum Mortalitätsrisiko bei Eingriffen unter Sedierung im Stehen vor. Ziel der vorliegenden prospektiven, multizentrischen Kohortenstudie war es daher, die Mortalität innerhalb von sieben Tagen nach einer Sedierung am stehenden Pferd zu bestimmen, mögliche Risikofaktoren zu identifizieren und die gegenwärtig verwendeten Sedierungsprotokolle zu beschreiben.

In die Studie wurden 12.307 Pferde und Ponys aus 61 Zentren in 23 Ländern eingeschlossen, die zwischen dem 1. November 2020 und dem 30. Juni 2023 für chirurgische Eingriffe oder weiterführende diagnostische Bildgebung im Stehen sediert wurden und nach dem initialen Sedierungsbolus mindestens eine zusätzliche Bolusgabe oder eine kontinuierliche Infusion (CRI) zur Aufrechterhaltung der Sedierung benötigten. Die Eingriffe wurden als COLIC oder NON-COLIC klassifiziert. Zu COLIC zählten Kolikchirurgie, Uterus-/und Kaiserschnitt-Operationen; NON-COLIC waren andere Eingriffe, wie beispielsweise orthopädische, dentale und ophthalmologische Operationen. Der klinische Ausgang sieben Tage nach der Sedierung wurde als ALIVE, EUTHANASIA oder DEAD erfasst. Als DEAD galten unerwartete Todesfälle beziehungsweise Euthanasien infolge perioperativer oder periprozeduraler Komplikationen, als EUTHANASIA intraoperative Euthanasien aufgrund infauster Prognosen. Risikofaktoren wurden mittels multivariabler logistischer Regression ausschließlich für die als DEAD klassifizierten Fälle untersucht.

Sieben Tage nach dem Eingriff waren 12.221 von 12.307 Pferden und Ponys (99,30 %) am Leben. Insgesamt wurden 19 Fälle als DEAD klassifiziert (Gesamtmortalität 0,15 %): 16 der 12.237 NON-COLIC-Fälle (0,13 %) und drei der lediglich 70 COLIC-Fälle (4,29 %). Weitere 67 Pferde (0,54 %) wurden als EUTHANASIA klassifiziert. Keiner der 19 unerwarteten Todesfälle trat während der Sedierung selbst auf. Acht Todesfälle ereigneten sich am ersten und weitere fünf am zweiten Tag, sodass mehr als zwei Drittel der Todesfälle innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Eingriff auftraten.

Bei den 16 als NON-COLIC DEAD klassifizierten Pferden dominierten abdominale Komplikationen: Zehn Todesfälle (62,5 %) waren auf gastrointestinale beziehungsweise abdominale Erkrankungen zurückzuführen, darunter Kolik, Kolitis, Obstipation, septische Peritonitis, Darmperforation und Magenruptur. Drei Pferde (18,75 %) starben infolge einer Fraktur oder Refraktur beziehungsweise wurden deshalb euthanasiert. Zwei Pferde wurden tot aufgefunden, ein weiterer Todesfall wurde einer anderen Ursache zugeordnet. Bei zwei Pferden versagte nach Rückkehr in die Box die im Stehen durchgeführte Versorgung einer Kondylarfraktur beziehungsweise es kam zu einer Refraktur oberhalb einer Schraube. Bei einer Stute musste eine zunächst im Stehen begonnene Ovarektomie wegen technischer Schwierigkeiten unmittelbar unter Allgemeinanästhesie fortgeführt werden; während der Aufwachphase erlitt das Pferd eine Fraktur und musste euthanasiert werden.

Die Sedierungsprotokolle basierten überwiegend auf Kombinationen aus Alpha-2-Agonisten und Opioiden, teilweise ergänzt durch Acepromazin. Zur Aufrechterhaltung der Sedierung erhielten 78,57 % der Pferde zusätzliche Bolusgaben, 30,84 % eine CRI und 9,39 % beides. Detomidin war sowohl bei den zusätzlichen Bolusgaben (8.258 Pferde) als auch bei den kontinuierlichen Infusionen (3.231 Pferde) der mit Abstand am häufigsten eingesetzte Alpha-2-Agonist, Butorphanol das am häufigsten eingesetzte Opioid. Nur 24,2 % der Pferde erhielten eine intravenöse Flüssigkeitstherapie, obwohl ein erheblicher Anteil der Eingriffe länger als eine Stunde dauerte; bei 37,6 % wurde eine lokoregionale Anästhesie durchgeführt. Das Monitoring während der Sedierung war ausgesprochen gering: Die Körpertemperatur wurde bei lediglich 5,8 %, ein EKG bei 3,8 %, der nichtinvasive arterielle Blutdruck bei 2,1 %, das endtidale CO2 bei 1,1 % und die Pulsoxymetrie bei 0,9 % der Fälle überwacht.

In der multivariablen Analyse erwies sich die ASA-Klassifikation als der wesentliche Prädiktor für die Mortalität: Im Vergleich zu ASA I war das Risiko bei ASA III bis V signifikant erhöht (adjustierte Odds Ratio 15,62 bis 45,14), bei ASA II dagegen nicht. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass dies wahrscheinlich zumindest teilweise die Schwere der zugrunde liegenden Erkrankung widerspiegelt und nicht allein als Sedierungsrisiko zu werten ist. Weder die Dauer des Eingriffs noch die Durchführung außerhalb regulärer Arbeitszeiten oder die Zuordnung zu COLIC beziehungsweise NON-COLIC erwiesen sich nach Adjustierung als unabhängige Risikofaktoren.

Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass Eingriffe unter Sedierung am stehenden Pferd zwar mit einer wesentlich geringeren Mortalität verbunden sind als Eingriffe unter Allgemeinanästhesie, jedoch keineswegs risikofrei sind. Für NON-COLIC-Eingriffe betrug die Mortalität nach Sedierung am stehenden Pferd 0,13 % gegenüber 0,6 % in der CEPEF4-Studie unter Allgemeinanästhesie. Bei den COLIC-Fällen war die Mortalität mit 4,29 % dagegen nahezu identisch mit der für Allgemeinanästhesien berichteten Rate von 4,2 %, wobei aufgrund der geringen Fallzahl keine belastbaren Schlussfolgerungen möglich sind. Während in CEPEF4 mehr als 40 % der Todesfälle in der Aufwachphase auftraten, ereignete sich die Mehrzahl der Todesfälle hier nicht während der Sedierung selbst, sondern in den ersten beiden Tagen danach, und abdominale Komplikationen stellten die häufigste Todesursache dar. Als mögliche Ansatzpunkte diskutieren die Autoren eine ausreichende Analgesie und Flüssigkeitsversorgung, einen zurückhaltenden Umgang mit Fasten, einen häufigeren Einsatz lokoregionaler Anästhesieverfahren sowie ein intensiveres Monitoring. Sie werten die Ergebnisse als ermutigend, sehen aber weiteren Optimierungsbedarf, um die Mortalität bei Eingriffen am stehenden Pferd weiter zu reduzieren.