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  • Autoren: Śmich J, Górski K, Maśko M, Borowska M, Turek B, Domino M (2026)
  • Journal: Animals
  • Zusammenfassung: ls

Das oberste Ziel der Zahnheilkunde ist der Erhalt der Zähne. In bestimmten klinischen Situationen stellt die Zahnextraktion (Exodontie) jedoch die sinnvollste Behandlungsoption dar. Die Zahnextraktion zählt sowohl in der Humanmedizin als auch bei verschiedenen Haustierarten zu den am häufigsten durchgeführten oralchirurgischen Eingriffen. Beim Pferd gilt die Extraktion als bevorzugte Behandlungsmethode für verschiedene Zahnerkrankungen, wird aber in der Regel als letzte therapeutische Maßnahme eingesetzt. Indikationen umfassen unter anderem idiopathische oder infektionsbedingte Zahnfrakturen, Zahnverlagerungen, Fehl- oder Retentionseruptionen, übermäßige Zahnlockerung, Karies sowie ausgeprägte Diastemata mit schmerzhafter Parodontalerkrankung. Die Zahnextraktion beim Pferd stellt aufgrund der Größe und Anatomie der Backenzähne sowie der anschließenden Versorgung der Extraktionsalveole eine besondere Herausforderung dar.

In der Literatur besteht bislang kein Konsens darüber, welche Arten von Alveolarplugs in den verschiedenen klinischen Situationen eingesetzt werden sollten. Ebenso fehlen belastbare Daten zur optimalen Häufigkeit ihres Austauschs. In der klinischen Praxis orientieren sich Tierärzte daher an individuellen Behandlungsprotokollen hinsichtlich Auswahl und Wechselintervallen der verwendeten Alveolarplugs. Ziel der vorliegenden Übersichtsarbeit war die Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes zur Versorgung von Extraktionsalveolen nach der Backenzahnextraktion beim Pferd. Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Arten von Alveolarplugs, deren Anwendung und Management, der normale Heilungsverlauf der Alveole, mögliche Komplikationen sowie die derzeit verfügbaren Empfehlungen für die postoperative Versorgung von Extraktionsalveolen beim Pferd.

Für diese narrative Übersichtsarbeit wurde 2025 eine Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Knowledge durchgeführt. Eingeschlossen wurden englischsprachige Fallberichte und Originalarbeiten ab 1975 zur Heilung von Extraktionsalveolen nach Backenzahnextraktionen beim Pferd unter Verwendung von Alveolarplugs. Nach Entfernung von Duplikaten und mehrstufigem Screening anhand von Titel, Abstract und Volltext wurden 17 Publikationen in die Übersichtsarbeit eingeschlossen. Erfasst wurden unter anderem Studiendesign, Extraktionsverfahren, Lokalisation und Anzahl der extrahierten Zähne, verwendete Alveolarplugs, begleitende Medikation, Nachsorge, Heilungsverlauf, Beurteilungskriterien der Alveolenheilung sowie postoperative Komplikationen. Routine- und komplikationsbehaftete Extraktionen wurden anhand der angewendeten Extraktionstechnik unterschieden. Die wissenschaftlichen Studien umfassten zwischen fünf und 400 Pferde und bestanden überwiegend aus retrospektiven Fallserien sowie einer retrospektiven und einer prospektiven Kohortenstudie. Die verfügbare Evidenz beruht damit überwiegend auf Fallberichten und retrospektiven Fallserien, sodass belastbare evidenzbasierte Empfehlungen zum Management von Extraktionsalveolen derzeit nur eingeschränkt möglich sind.

Die beschriebenen Extraktionen umfassten sowohl routinemäßige als auch komplizierte Eingriffe an Ober- und Unterkieferbackenzähnen. Zur Versorgung der Extraktionsalveolen wurden unterschiedliche Alveolarplugs eingesetzt. Am häufigsten kamen Polymethylmethacrylat (PMMA), Gips, Dentalwachs, Polyvinylsiloxan (PVS) sowie Gazetamponaden zum Einsatz. Lediglich in einer Studie wurden einzelne Alveolen nach der Extraktion nicht verschlossen. Aufgrund der erheblichen methodischen Unterschiede zwischen den Studien erfolgte die Bewertung und Beschreibung der verschiedenen Alveolarplugs ausschließlich deskriptiv.

Extraktionsalveolen beim Pferd heilen überwiegend per secundam intentionem über die Bildung von Granulationsgewebe. Zum Schutz der Alveole vor Kontamination und des Blutkoagels werden häufig Alveolarplugs oder Tamponadematerialien eingesetzt. Eine günstige Heilung ist insbesondere dann zu erwarten, wenn vor der Extraktion keine ausgeprägte Infektion des Alveolarknochens bestand, die Alveole während des Eingriffs nicht erheblich traumatisiert wurde, keine Zahnfragmente oder Sequester zurückblieben und sich ein ausreichend großer Blutkoagel bilden konnte. In der Literatur wird empfohlen, einen Alveolarplug im koronalen Drittel der Alveole zu platzieren, ohne das Gingivaniveau zu überschreiten. Der apikale Anteil soll frei bleiben, damit sich dort der Blutkoagel in Granulationsgewebe umwandeln kann. Eine zu tiefe oder zu voluminöse Platzierung kann die Granulation behindern oder eine Verlagerung des Materials in die Nasennebenhöhlen begünstigen. Wissenschaftlich belastbare Daten zur optimalen Einbringtiefe fehlen jedoch. Auch sollte die Tamponade höchstens etwa die Hälfte des Alveolarraums ausfüllen.

Die verschiedenen Materialien unterscheiden sich hinsichtlich Formbarkeit, Dichtigkeit, biologischer Abbaubarkeit, Medikamentenfreisetzung, Stabilität und Entfernbarkeit. Polymethylmethacrylat ist kostengünstig, leicht, gut formbar, schnell aushärtend und ermöglicht einen weitgehend wasserdichten Verschluss. Medikamente können eingemischt und lokal freigesetzt werden. Das Material ist jedoch nicht biologisch abbaubar und härtet unter Wärmeentwicklung aus, wodurch umliegende Weichgewebe irritiert oder geschädigt werden können. Gips ist ebenfalls preiswert, stabil und medikamententragend. Er härtet ohne relevante Wärmeentwicklung aus, wird gut vertragen und ist biologisch abbaubar, benötigt jedoch länger zum Abbinden. Dentalwachs härtet ebenfalls ohne exotherme Reaktion aus, ist jedoch weder biologisch abbaubar noch zur Medikamentenfreisetzung geeignet. Gazetamponaden sind kostengünstig, überall verfügbar und besonders dann geeignet, wenn eine Drainage der Alveole erwünscht ist, etwa bei infizierten Alveolen oder nach Extraktionen mandibulärer Backenzähne. Sie können mit Medikamenten imprägniert werden, verschließen die Alveole jedoch weniger vollständig als Polymethylmethacrylat oder Polyvinylsiloxan, können sich in flachen Alveolen lockern und müssen regelmäßig gewechselt werden.

Polyvinylsiloxan ist geschmacks- und geruchsneutral, elastisch, formstabil und gut im Pferdemaul zu verarbeiten. Es bildet einen dichten Verschluss, eignet sich aufgrund seiner nicht porösen Struktur jedoch kaum als Medikamententräger und ist nicht biologisch abbaubar. Zur lokalen Behandlung wurden unter anderem Metronidazol, Cefazolin, Ampicillin, Cloxacillin, Iodoform, Povidon-Iod, Zinkoxid-Iodophor-Petrolatum, Kochsalzlösung, Scharlachöl und medizinischer Honig in Plugmaterialien eingebracht. Zudem wurden PVS-Plugs mit Knochenersatzmaterial kombiniert. Die Evidenz für die Wirksamkeit dieser Zusätze ist gering und basiert überwiegend auf Fallberichten und retrospektiven Fallserien. Lokale Antibiotika wurden vor allem bei vorbestehender Infektion des Alveolar- oder Stützknochens sowie bei direkter Knochenexposition eingesetzt. Konzentrierte antiseptische Lösungen können das empfindliche Granulationsgewebe chemisch reizen und die Heilung verzögern.

Bei der Materialauswahl sind die Lage der Alveole, die Triadan-Position und die anatomischen Verhältnisse zu berücksichtigen. Mandibuläre Alveolen weisen aufgrund der schlechteren Drainage ein höheres Risiko für anhaltende Kontamination, Infektion und Sequesterbildung auf. Bei den Zähnen 07 bis 10 können angrenzende Zähne zur Stabilisierung eines Plugmaterials genutzt werden. Nach Extraktion von Triadan 06 oder 11 oder nach Entfernung zweier benachbarter Zähne ist diese Abstützung eingeschränkt. In solchen Fällen können Gazetamponaden oder zusätzliche Fixationstechniken geeigneter sein. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Alter des Pferdes und der Wahl des Plugmaterials ist nicht belegt. Mit zunehmendem Alter nimmt die Tiefe der Alveole infolge des Zahnabriebs ab, wodurch sich insbesondere Gazetamponaden leichter verlagern können. Bei jüngeren Pferden können Extraktionen schwieriger sein. Postoperative knöcherne Komplikationen wie Sequesterbildung können daher unabhängig vom verwendeten Material häufiger auftreten.

Auch die optimale Verweildauer eines Alveolarplugs ist nicht geklärt. Die beschriebenen Kontrollintervalle reichen von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten, während die berichteten Heilungszeiten zwischen zwei Wochen und mehreren Jahren variieren. Als vollständige Heilung wurden je nach Studie der vollständige Verschluss der Alveole durch Granulationsgewebe oder die Bedeckung des Granulationsgewebes mit normaler Gingiva definiert. Ein standardisierter Endpunkt der Nachsorge fehlt. Regelmäßige Kontrollen sind erforderlich, da früh erkannte Komplikationen meist leichter zu behandeln sind. Die Alveolenheilung verläuft nach Zahnextraktion über Hämostase und Koagulation, Entzündung, Proliferation sowie knöchernen Umbau. Der Blutkoagel bildet die Grundlage für die Zellmigration und wird innerhalb der ersten Tage durch Granulationsgewebe ersetzt. Anschließend entstehen provisorische Bindegewebsmatrix und Geflechtknochen, der später in reifen Knochen umgebaut wird. Für das Pferd sind diese histologischen Abläufe und Zeiträume bislang nicht spezifisch beschrieben. Zu den plugbedingten Komplikationen zählen Okklusionsstörungen, Einwachsen des Materials in Granulationsgewebe, erschwerte Entfernung, Lockerung, Verlagerung in die Maulhöhle oder die Nasennebenhöhlen sowie Futterkontamination. Weitere postoperative Probleme umfassen verzögerte Granulation, persistierende Infektion, Fistelbildung, Sinusitis, Sequester, Abszesse und verbliebene Zahnwurzelfragmente. Diese Komplikationen können sowohl durch die ursprüngliche Zahnerkrankung als auch durch das Extraktionstrauma oder die Anwendung des Plugmaterials verursacht werden.

Nach der Extraktion sollte ein Alveolarplug unmittelbar eingesetzt und nach etwa sieben bis zehn Tagen erstmals entfernt und ersetzt werden. Bei der Nachuntersuchung sollte die Alveole visuell mit Dentalendoskop oder Spiegel sowie digital untersucht werden. Raue oder unregelmäßige Bereiche können auf Alveolarknochensequester oder eine gestörte Koagelbildung hinweisen. Bereits bewegliche Sequester können entfernt werden, während andere erst nach drei bis vier Wochen ausreichend gelockert sind. Bei regelrechter Heilung sollte die Alveole vorsichtig gespült werden, ohne den Blutkoagel oder das Granulationsgewebe zu beeinträchtigen. Anschließend wird ein kleinerer Plug im koronalen Drittel der Alveole platziert. Weitere Kontrollen werden in Abständen von etwa sieben bis 14 Tagen empfohlen, bis die Alveole weitgehend mit Granulationsgewebe ausgefüllt ist. Die in der Literatur beschriebenen Kontrollintervalle unterscheiden sich jedoch erheblich, sodass bislang keine verbindlichen Empfehlungen abgeleitet werden können. Eine besonders intensive und längerfristige Nachsorge ist bei Extraktionen aufgrund apikaler Infektionen, bei jungen Pferden, nach komplizierten Extraktionsverfahren sowie bei oro-nasalen, oro-sinusalen oder oro-kutanen Fisteln erforderlich.