Vor dem Kauf eines Pferdes wird in vielen Fällen eine Ankaufsuntersuchung (AKU) durchgeführt. Im Vereinigten Königreich und in Australien ist die Bewegung unter dem Reiter Bestandteil der Ankaufsuntersuchung, um die physiologische Reaktion auf anstrengendes Training zu beurteilen. In vielen europäischen Ländern, in Südafrika oder in Nordamerika ist dies nicht routinemäßig Bestandteil einer Ankaufsuntersuchung. Es besteht die Möglichkeit, dass versierte Reiter im Vergleich zu weniger versierten Reitern die Qualität der Gänge verbessern können, Verhaltensanzeichen von Unbehagen jedoch nicht verborgen werden können. Letztere können Anzeichen muskuloskelettaler Schmerzen sein.
Um das Erkennen dieser Schmerzen zu erleichtern, wurde das Ridden Horse Pain Ethogram (RHpE) entwickelt. Es wurde ein Schwellenwert ermittelt, ab dem eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass muskuloskelettale Schmerzen vorliegen; dieser liegt bei ≥ 8 von 24 Punkten. Das Ziel der vorliegenden Studie war es, die Genauigkeit der Risikobeurteilung im Rahmen einer Ankaufsuntersuchung anhand von Leistungsergebnissen durch Berechnung von Sensitivität, Spezifität und Genauigkeit zu bestimmen. Im Rahmen der Sensitivität der AKU sollen Pferde korrekt identifiziert werden, die letztlich erfolgreich starten. Über die Spezifität sollen Pferde identifiziert werden, die nicht erfolgreich sein werden.
Für die Auswertung dieser Studie standen die Ergebnisse von 25 AKUs aus einem Zeitraum von 6 Monaten zur Verfügung. Die Untersuchungen erfolgten gemäß dem Joint Memorandum der British Veterinary Association und des Royal College of Veterinary Surgeons. Abgesehen von Beugeproben der Vorder- und Hintergliedmaßen wurden die Pferde auch auf weichem Boden im Trab und Galopp sowie auf festem Boden longiert. Die Pferde wurden beim Satteln bzw. Auftrensen und Aufsteigen beobachtet sowie im Schritt, Trab und Galopp, einschließlich auf Zirkeln mit 10 m bzw. 20 m Durchmesser auf beiden Händen. In manchen Fällen wurden zusätzliche Lektionen wie Traversale, fliegende Galoppwechsel oder Schulterherein gefordert und beobachtet.
Röntgen- und/oder Ultraschalluntersuchungen ausgewählter Regionen wurden nach Vorgabe des Käufers durchgeführt, wenn die Ergebnisse der klinischen Beurteilung zufriedenstellend waren. Die Befunde der Bildgebung werden nicht beschrieben, da diese keinen Einfluss auf das Ergebnis hatten. Wenn möglich, wurde die Turnierbilanz vor der Ankaufsuntersuchung geprüft. Die Auswertung der Daten erfolgte mittels deskriptiver Statistik. Ein richtig positives Ergebnis lag vor, wenn ein Pferd bei der Ankaufsuntersuchung als vertretbares Risiko eingestuft wurde und anschließend startete. Ein richtig negatives Ergebnis lag vor, wenn ein Pferd als hohes bzw. mittleres Risiko eingestuft wurde und nicht startete. Wenn ein Pferd als hohes bzw. mittleres Risiko eingestuft wurde, aber anschließend startete, galt dies als falsch negatives Ergebnis, und wenn ein Pferd als vertretbares Risiko eingestuft wurde, aber nicht startete, galt dies als falsch positives Ergebnis.
Die Studienpopulation bestand aus 7 Stuten und 18 Wallachen im Alter von 4–12 Jahren; überwiegend handelte es sich um Warmblüter. Die Tiere sollten im Dressursport (6), im Springsport (3) oder in der Vielseitigkeit (16) eingesetzt werden. Bei der Untersuchung in Ruhe wiesen 5 Pferde eine nicht ihrem Niveau entsprechende Entwicklung der thorakolumbosakralen epaxialen Muskulatur auf. Bei 8 Tieren wurden ein Hypertonus der thorakolumbosakralen epaxialen Muskulatur und/oder eine abnorme Reaktion auf Druck über den Tubera sacralia festgestellt. Eine geringgradige Asymmetrie der Beckenmuskulatur zeigte sich bei 7 Pferden. Die Untersuchung in der Bewegung an der Hand ergab bei 5 Pferden eine einseitige Hinterhandlahmheit Grad 1/8 bzw. Grad 2/8. Weitere 5 Pferde schienen kurz zu treten, und eines wies ein beidseitiges Schleifen der Zehe der Hintergliedmaßen auf. Ein weiteres Pferd zeigte eine subtile Ataxie der Vorder- und Hintergliedmaßen.
An der Longe nahmen 7 Pferde im Trab nicht ausreichend Last mit den Hintergliedmaßen auf und zeigten zudem eine mangelhafte Schubkraft. Bei 7 Pferden wurde eine Galoppdysfunktion festgestellt, also eine Unwilligkeit, den Galopp aufzunehmen, wiederholtes Angaloppieren mit der falschen Vordergliedmaße führend, Kurztreten, Steifheit, wiederholter Kreuzgalopp, Buckeln in den Übergängen oder wiederholtes spontanes Ausfallen vom Galopp in den Trab. Eine Vorhandlahmheit wurde bei 4 Pferden festgestellt. Verändertes Verhalten beim Satteln bzw. Auftrensen wiesen 5 Tiere auf, wie zum Beispiel Zähneknirschen. Unter dem Reiter zeigten 3 Pferde, die zuvor eine geringgradige Vorhand- und Hinterhandlahmheit aufgewiesen hatten, keine Lahmheit und auch keine erhöhten RHpE-Scores. Eine Lahmheit unter dem Reiter oder die Verstärkung einer zuvor festgestellten Lahmheit trat bei 6 Pferden auf. Eine Galoppdysfunktion trat unter dem Reiter bei 11 Pferden auf.
Entsprechend den klinischen Untersuchungen und der Gesamtbeurteilung der Autorin wurde bei 8 der 25 Pferde ein Ankauf empfohlen, und drei Tiere galten als bedingt geeignet. Bei diesen Pferden lag der RHpE-Score bei ≤ 4/24. Von den 8 Pferden waren 6 mindestens 3,5–4 Jahre nach dem Ankauf regelmäßig im Turniereinsatz auf demselben oder einem höheren Niveau als vor dem Verkauf. Von den 2 Pferden, welche die Erwartungen nicht erfüllten, musste eines aufgrund einer Trümmerfraktur infolge eines Unfalls euthanasiert werden. Das zweite Pferd, welches beim Satteln bzw. Auftrensen und unter dem Reiter Zähneknirschen gezeigt hatte, konnte nicht zufriedenstellend trainiert werden und entwickelte eine beidseitige proximale Fesselträgerdesmopathie der Hintergliedmaßen und Schmerzen der Lumbosakroiliakalregion. Nach erfolgreicher Therapie wurde das Pferd nur noch als Freizeitpferd eingesetzt; Bewegungsqualität und Muskelentwicklung verbesserten sich erheblich, und das Pferd knirschte nicht mehr mit den Zähnen.
Von den drei Tieren mit eingeschränkter Empfehlung zeigte eines chronische Probleme und wurde aus dem Sport genommen, ein weiteres wurde ohne Turnierstarts als Allzweckpferd geritten, und das dritte Pferd startete 18 Monate nicht und wurde daraufhin im Dressursport auf M-Niveau eingesetzt. Von den 12 Pferden, bei denen vom Kauf abgeraten worden war (RHpE-Score 4–16/24, Median 6), zeigten 6 eine Lahmheit und weitere 6 eine Gangdysfunktion. Von diesen Pferden wurde nur eines auf demselben oder einem höheren Niveau auf Turnieren eingesetzt. Zwei weitere Pferde, die nicht zum Ankauf empfohlen worden waren, kehrten erst nach langen Pausen auf demselben Niveau wie vor dem Verkauf in den Turniersport zurück.
Die statistische Auswertung zeigte, dass Pferde mit einem vertretbaren Risiko eine signifikant höhere Chance auf ein erfolgreiches Ergebnis hatten als Pferde der Gruppen mit höherem Risiko. Die Sensitivität für die Fähigkeit der Ankaufsuntersuchung, Pferde korrekt zu identifizieren, die weiter starten würden, lag bei 86 %, und die Spezifität für die Fähigkeit der Ankaufsuntersuchung, Pferde zu identifizieren, die nicht starten würden, betrug 94 %. Die Gesamtwahrscheinlichkeit, ein Pferd korrekt einzustufen, betrug 91,7 %. Allerdings ist dies nur eine kleine Studie, weshalb die Ergebnisse der statistischen Analysen mit Vorsicht interpretiert werden sollten. Die Ergebnisse dieser kleinen Studie legen dennoch nahe, dass Lahmheiten und andere Gangdysfunktionen in manchen Fällen unter dem Reiter deutlicher sein können und dass die Anwendung des RHpE eine wertvolle Ergänzung der Gangbeurteilung ist, ebenso wie die Beobachtungen beim Satteln und/oder Auftrensen.
