Die Verabreichung von Glukokortikoiden führt bei verschiedenen Tierarten zu einem charakteristischen Kortikosteroidleukogramm, das oft als Stressleukogramm bezeichnet wird. Es ist unter anderem gekennzeichnet durch Leukozytose mit Neutrophilie und Lymphopenie. Für die Interpretation hämatologischer Befunde ist die Unterscheidung zwischen glukokortikoidinduzierten Veränderungen und hämatologischen Veränderungen infolge entzündlicher oder neoplastischer Erkrankungen von besonderer klinischer Bedeutung. Dies gilt insbesondere für Pferde, die vor der Blutentnahme mit Glukokortikoiden behandelt wurden. Daten zum Einfluss wiederholter intravenöser Dexamethasongaben auf das Leukogramm adulter Pferde lagen jedoch bisher nur eingeschränkt vor. Bisherige Untersuchungen wurden überwiegend an Ponys durchgeführt. Jedoch sind Unterschiede in den Leukozyteneigenschaften zwischen Pferden und Ponys beschrieben. Darüber hinaus lagen bislang keine Daten zum Einfluss wiederholter Dexamethasonapplikationen auf den Myeloperoxidase-Index (MPXI) sowie auf die automatisiert ermittelten Neutrophilenparameter Neut-X und Neut-Y vor. Ziel der Studie war daher die Charakterisierung der Auswirkungen einer zweimaligen intravenösen Dexamethasonapplikation (0,06 mg/kg KGW im Abstand von 24 Stunden) auf Leukozytenparameter gesunder Warmblutpferde.
An dieser prospektiven Längsschnittstudie nahmen fünf klinisch gesunde Warmblutstuten im Alter von 12 bis 16 Jahren teil. Die Tiere erhielten Dexamethason intravenös zu den Zeitpunkten 0 und 24 Stunden. Weiterhin wurden 48 und 72 Stunden nach Studienbeginn Kochsalzinjektionen verabreicht. Blutproben wurden vor der ersten Applikation sowie nach 6, 12, 24, 30, 36, 48, 72, 96 und 168 Stunden entnommen und mittels automatisierter Hämatologie analysiert. Erfasst wurden Gesamtleukozyten, Neutrophile, Lymphozyten, Monozyten und Eosinophile sowie das Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis, das Monozyten-Lymphozyten-Verhältnis, MPXI, Neut-X und Neut-Y.
Während des gesamten Untersuchungszeitraums zeigten die Pferde keine klinischen Hinweise auf Thrombophlebitis, Entzündungen oder Hufrehe. Bereits sechs Stunden nach der ersten Verabreichung von Dexamethason kam es zu einer signifikanten Erhöhung der Gesamtleukozytenzahl. Der Mittelwert stieg von 6,32 × 109/L auf 10,60 × 109/L an und überschritt damit bei einigen Pferden den Referenzbereich. Nach der zweiten Dexamethasongabe zeigte sich ein vergleichbarer Anstieg mit einem erneuten Maximum nach 30 Stunden. Die Leukozytenzahlen blieben bis 48 Stunden erhöht und erreichten nach 72 Stunden wieder das Ausgangsniveau. Parallel dazu entwickelte sich eine ausgeprägte Neutrophilie. Die mittlere Neutrophilenzahl stieg von 3,60 × 109/L auf 8,92 × 109/L sechs Stunden nach der ersten Applikation des Dexamethasons an und erreichte nach der zweiten Dosis erneut vergleichbare Werte. Bei allen Pferden wurden Neutrophilenzahlen oberhalb des Referenzbereichs festgestellt.
Die Neutrophilie blieb länger bestehen als die Leukozytose und normalisierte sich erst nach etwa 72 Stunden. Die Lymphozytenzahl nahm bereits sechs Stunden nach der ersten Dexamethasonapplikation deutlich ab und erreichte nach der zweiten Gabe ihre niedrigsten Werte. Nach 30 und 36 Stunden lagen die Lymphozytenzahlen bei allen Pferden unterhalb des Referenzbereichs. Der Ausgangswert der Lymphozyten wurde erst 48 Stunden nach der zweiten und letzten Verabreichung von Dexamethason erreicht. Auch die Monozytenzahl nahm nach beiden Dexamethasongaben kurzzeitig ab. Die ausgeprägteste Monozytopenie wurde sechs Stunden nach der ersten Behandlung beobachtet. Anschließend erfolgte eine schnelle Normalisierung. Die Reaktion der Monozyten war individuell variabel. Besonders ausgeprägt war die Wirkung auf die Eosinophilen. Bereits sechs Stunden nach der ersten Dexamethasongabe kam es zu einer deutlichen Abnahme der Eosinophilenzahl. Zwischen 12 und 48 Stunden waren bei allen Pferden keine Eosinophilen mehr im peripheren Blut nachweisbar. Erst nach 72 Stunden wurden wieder die Ausgangswerte erreicht.
Das Neutrophilen-Lymphozyten-Verhältnis stieg nach beiden Dexamethasongaben deutlich an und überschritt bei allen Pferden den Referenzbereich. Die höchsten Werte wurden zwölf Stunden nach der ersten und sechs Stunden nach der zweiten Applikation gemessen. Das Monozyten-Lymphozyten-Verhältnis zeigte dagegen keine signifikanten Veränderungen. Hinsichtlich der zusätzlichen Neutrophilenparameter ergab sich ein Anstieg des MPXI ausschließlich nach der zweiten Dexamethasonapplikation. Neut-X war zwölf Stunden nach beiden Applikationen signifikant erniedrigt, während für Neut-Y während der ersten 156 Stunden keine relevanten Veränderungen nachgewiesen wurden. Die Bedeutung dieser Parameter ist derzeit jedoch noch begrenzt, da für Pferde nur wenige Vergleichsdaten vorliegen und methodische Einflüsse nicht vollständig ausgeschlossen werden können.
Insgesamt induzierte die wiederholte intravenöse Verabreichung von Dexamethason ein typisches Kortikosteroidleukogramm mit vorübergehender Leukozytose, ausgeprägter Neutrophilie, Lymphopenie, Monozytopenie und vollständiger Eosinopenie. Die Reaktion verlief bei allen Stuten zeitlich ähnlich mit Ausnahmen einzelner Tiere hinsichtlich des Zeitpunktes maximaler Veränderungen. Die meisten hämatologischen Parameter erreichten innerhalb von 48 bis 72 Stunden wieder ihre Ausgangswerte. Als Limitationen der Studie nennen die Autoren die geringe Tierzahl, das Fehlen einer Kontrollgruppe sowie die ausschließliche Untersuchung adulter Warmblutstuten. Außerdem wurde auf eine manuelle Differenzierung der Leukozyten verzichtet. Für die klinische Praxis zeigen die Ergebnisse, dass nach intravenöser Verabreichung von Dexamethason reproduzierbare und zeitlich charakteristische Veränderungen des Leukogramms auftreten. Die Kenntnis dieser Veränderungen erleichtert die Interpretation hämatologischer Befunde und die Differenzierung zwischen glukokortikoidbedingten Effekten und pathologischen Prozessen während einer Glukokortikoidtherapie.
