Durchgehende Hornspalten im palmaren/plantaren Drittel der seitlichen Hornwand treten in der Pferdepraxis zunehmend häufig auf. Dieser durchgehende Hornspalt entsteht unmittelbar distal des Kronsaums und breitet sich sowohl proximal als auch distal aus. Er kann zu Infektionen und Lahmheit führen und stellt bei Sportpferden eine häufige Ursache für Leistungseinbußen dar. Bei unbeschlagenen Pferden tritt dieser Hufwanddefekt vergleichsweise selten auf, sodass ein Zusammenhang mit der Hufbearbeitung und dem Beschlag angenommen wird. Der palmare Abschnitt der Hufkapsel eines unbeschlagenen Pferdes kann sich an ungleichmäßige Belastungen oder Bodenverhältnisse anpassen, da sich die Trachten vertikal unabhängig voneinander bewegen können. Durch das Ausschneiden des Hufes und das Anbringen eines Hufeisens wird diese Anpassungsfähigkeit verändert.
Hornspalten sind häufig mit einer als Trachtenimbalance bezeichneten Verformung der Hufkapsel auf der betroffenen Seite verbunden. Eine abnorme Gewichtsverteilung oder über längere Zeit einwirkende, unverhältnismäßige Kräfte auf einen bestimmten Abschnitt der Hufwand können zu einer veränderten Form der Hufkapsel führen. Diese lokal einwirkenden abnormalen Kräfte prädisponieren gleichzeitig für die Entstehung eines Hornspaltes. Das Phänomen der Trachtenimbalance oder „Sheared heels“ wurde bereits vor etwa 50 Jahren in der veterinärmedizinischen Literatur als klinische Entität beschrieben. Das Verständnis ihrer Biomechanik und ihres klinischen Managements wird jedoch sowohl in der Veterinärmedizin als auch im Hufbeschlag weiterhin kontrovers diskutiert. Obwohl zahlreiche Beschlagsstrategien zur Behandlung beschrieben wurden, konnte bislang kein einheitlicher klinischer Erfolg nachgewiesen werden.
Die Autoren stützen ihre Ausführungen zu den beteiligten Beschlagspraktiken und Behandlungsansätzen auf die begrenzt verfügbare Literatur sowie ihre zusammen 75-jährige klinische Erfahrung mit einer großen Zahl entsprechender Fälle. Für die Versorgung von Hornspalten wurden zahlreiche Materialien und Techniken beschrieben. Ein dauerhaft erfolgreicher Verschluss ist jedoch nur möglich, wenn die Ursache des Hufwanddefekts erkannt und durch eine entsprechende Hufbearbeitung beziehungsweise einen geeigneten Beschlag behoben wird. Der vorliegende Beitrag befasst sich daher mit der abnormen Hufkonformation, der angenommenen Pathophysiologie bei der Entstehung dieser Hufwanddefekte sowie den erforderlichen Maßnahmen der Hufbearbeitung und des Beschlags zur Behandlung ihrer Ursachen.
Die Hufkapsel des Pferdes besteht aus Hufwand, Sohle, Strahl und Trachtenballen und bildet eine viskoelastische Struktur, deren mechanisches Verhalten wesentlich von Materialeigenschaften, Form und Belastung abhängt. Die Hufwand ist dorsal am dicksten und wird zu den Trachten hin dünner und elastischer. Die Hufwand besteht aus drei morphologisch unterschiedlichen Schichten: Stratum externum (Periopel), Stratum medium und Stratum internum. Das Stratum medium bildet den größten Anteil der Hufwand und gliedert sich in eine pigmentierte und eine unpigmentierte Schicht aus tubulärem und intertubulärem Horn. Die Dichte der Hornröhrchen ist im äußeren pigmentierten Bereich am höchsten und nimmt zum Stratum internum hin ab. Dieser Gradient geht mit unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften einher und soll die Übertragung der Aufprallenergie von der steifen äußeren Hufwand über die weichere, elastische innere Hufwand bis zur epidermal-dermalen Lamellenverbindung und zum Hufbein dämpfen. Darüber hinaus werden die Grenzflächen zwischen tubulärem und intertubulärem Horn sowie die Anordnung der Hornröhrchen als Mechanismen beschrieben, die von außen entstehende Risse stoppen oder umlenken und dadurch deren Ausbreitung in Richtung Dermis erschweren.
Als häufigste Ursache eines durchgehenden Hornspalts betrachten die Autoren eine fokale Überbelastung eines Hufabschnitts mit nachfolgender, als Trachtenimbalance bezeichneter Hufkapseldeformation. Die Hufkapsel passt sich an ihre Belastung an. Bereiche mit hoher Belastung wachsen langsamer als weniger belastete Abschnitte. Fehlstellungen der Gliedmaße und ungeeignete Hufbearbeitung können dadurch zu asymmetrischer Belastung und fortschreitender Verformung führen. Bei lateral rotierter Gliedmaßenstellung wird beispielsweise die mediale Trachte stärker belastet, wächst langsamer, wird steiler und kann axial einrollen, während sich der Kronsaum proximal verlagert. Die resultierende Deformation prädisponiert für mediale Hornspalten. Seltener können bei medialer Rotation entsprechende Veränderungen lateral auftreten. Biomechanisch wird die Position des Kronsaums durch das Verhältnis zwischen Hufwandwachstum und distaler Migration bestimmt. Bei Überlastung kann die proximale Verlagerung des Kronsaums durch verändertes Wachstum und Remodelling entstehen. Ein wissenschaftlicher Nachweis dieses Mechanismus steht bislang aus.
Begleitend können eine verminderte Sohlenstärke, eine Schrägstellung des Hufbeins sowie eine Kompression von Hufknorpel und Weichteilen auftreten. Klinisch zeigen sich ein proximal verlagerter Trachtenballen, ein steilerer und teilweise axial eingerollter Hufwandabschnitt, gestauchte, eng stehende Hornringe sowie eine Asymmetrie der Sohlenfläche. Hornspalten öffnen sich unter Belastung am Kronsaum häufig geringgradig und schließen sich bei Entlastung. Das Management umfasst die Identifikation der Hufkapseldeformation, Entlastung des betroffenen Abschnitts, Stabilisierung der Hufwand und konsequente Nachkontrollen. Röntgenaufnahmen können zur Beurteilung der Hufbein-Hufkapsel-Ausrichtung dienen. Bei akuten Fällen kann eine kurze Barhufphase von 5–10 Tagen genutzt werden, um die palmaren Strukturen zu entlasten. Anschließend erfolgt eine gezielte Hufkorrektur mit Ausrichtung von Huf-Fessel-Achse, Rotationszentrum, Trachten und Strahl. Häufig wird ein „double trim“ angewandt, bei dem der betroffene Trachtenbereich zusätzlich keilförmig entlastet wird. Geeignete Beschläge sollen die Lastverteilung verbessern und den Druckmittelpunkt gezielt verlagern.
Eine vollständige Korrektur mediolateraler Ungleichgewichte ist durch Hufbearbeitung allein meist nicht möglich. Bei weiterarbeitenden Pferden kann zusätzlich eine externe Stabilisierung des Hornspalts erforderlich sein. Entscheidend für den langfristigen Erfolg sind konsequente Nachbehandlung und radiographisch kontrollierte Hufkorrekturen. Die Trachtenimbalance stellt eine bedeutende Deformation der Hufkapsel dar, die Pferde insbesondere durch chronisch ungleichmäßige Belastung und veränderte biomechanische Verhältnisse des Hufes für die Entstehung durchgehender Hornspalten prädisponiert. Ein wirksames Management erfordert mehr als lediglich die Reparatur oder das „Patchen“ des Defekts. Die Behandlung setzt die korrekte Identifikation und Korrektur der zugrunde liegenden Hufkapseldeformation voraus. Hierzu gehören eine gezielte, radiographisch kontrollierte Hufbearbeitung zur Wiederherstellung der Ausrichtung des Hufbeins in Bezug zum Boden sowie beschlagstechnische Maßnahmen zur Umverteilung der Belastung von der betroffenen Trachte auf die übrigen Strukturen der Sohlenfläche.
