Muskuloskelettale Verletzungen stellen die häufigste Ursache für den Verlust von Vollblutrennpferden dar. Im Galopprennsport wird deshalb zunehmend versucht, mithilfe biometrischer Sensoren Bewegungsdaten der Pferde während Training und Rennen zu erfassen. Es sollen Modelle zur frühzeitigen Erkennung eines erhöhten Verletzungsrisikos entwickelt werden. Jedoch werden Geschwindigkeit und Bewegungsablauf des Pferdes auch maßgeblich von der Beschaffenheit der Rennbahnoberfläche beeinflusst. Deshalb ist eine objektive und reproduzierbare Erfassung der Eigenschaften der Rennbahnoberfläche für die Weiterentwicklung solcher Risikomodelle erforderlich.
In Neuseeland erfolgt die Beurteilung von Grasrennbahnen anhand standardisierter Penetrometermessungen, aus denen ein numerischer Track Condition Score (TCS) abgeleitet wird. Ziel der vorliegenden Studie war es, den Zusammenhang zwischen TCS, Renngeschwindigkeit und dem Auftreten muskuloskelettaler Verletzungen bei Vollblutrennpferden im Flachrennen zu untersuchen. Hierfür wurden Daten aus 16 Rennsaisons (2008/09–2023/24) mit insgesamt 437.506 Rennstarts und 40.824 Grasbahnrennen ausgewertet. Analysiert wurden monatliche Mittelwerte des TCS, die Variabilität des TCS, die Geschwindigkeit über die letzten 600 m eines Rennens sowie die Anzahl der Rennstarts. Zusätzlich wurden für sieben Rennsaisons Verletzungsdaten ausgewertet, um die monatliche Inzidenz muskuloskelettaler Verletzungen pro 1.000 Starts zu berechnen. Die statistische Auswertung umfasste Zeitreihenanalysen zur Beschreibung saisonaler Muster sowie ein lineares gemischtes Regressionsmodell mit Pferd als Zufallseffekt, in dem der Einfluss von TCS, Rennstrecke und Leistungsrating des Pferdes auf die Endgeschwindigkeit untersucht wurde.
Während des Untersuchungszeitraums zeigten sowohl die Anzahl der Rennstarts als auch TCS und Geschwindigkeit ausgeprägte saisonale Schwankungen. Im Sommer fanden mehr Rennen statt, die Bahnen waren fester und wiesen gleichzeitig eine größere Variabilität des TCS auf, während im Winter weichere und homogener bewertete Bahnen vorherrschten. Parallel dazu wurden im Sommer höhere Geschwindigkeiten erreicht als im Winter. Zwischen TCS und Geschwindigkeit bestand ein starker, aber kein linearer Zusammenhang. Mit zunehmender Festigkeit der Bahn stieg die Geschwindigkeit zunächst an und erreichte bei einem TCS von etwa 3 bis 4 ein Plateau. Eine weitere Verfestigung der Bahn bewirkte dann also keinen zusätzlichen Geschwindigkeitsgewinn mehr. Darüber hinaus nahm die Geschwindigkeit mit zunehmender Renndistanz ab und stieg mit höherem Leistungsrating der Pferde an.
Insgesamt wurden 433 muskuloskelettale Verletzungen einschließlich tödlicher Verletzungen registriert. Dies entspricht einer Inzidenz von 2,22 Verletzungen pro 1.000 Rennstarts. Die Verletzungsrate zeigte lediglich schwache jahreszeitliche Schwankungen. Nach Entfernung langfristiger Trends bestand ein gegenläufiger Zusammenhang zwischen der Verletzungsinzidenz und dem TCS ohne zeitliche Verzögerung; Rennen auf festeren Böden gingen somit tendenziell mit einer höheren Verletzungsrate einher. Die Autoren führen dies darauf zurück, dass festere Bahnen zwar eine effiziente Kraftübertragung ermöglichen, gleichzeitig jedoch höhere Stoßbelastungen und eine schnellere Abbremsung der Gliedmaßen verursachen. Ebenso zeigte sich eine geringe Übereinstimmung zwischen Geschwindigkeit und Verletzungsrate, höhere Geschwindigkeiten gingen also tendenziell mit mehr Verletzungen einher. Darüber hinaus ergab sich eine geringe Übereinstimmung zwischen der saisonalen Variabilität des TCS und der Verletzungsinzidenz. Die Autoren vermuten, dass eine erhöhte Variabilität der Bahnbeschaffenheit insbesondere im Frühjahr und Herbst die Anpassungsfähigkeit des Bewegungsapparates beeinträchtigt, da Pferde sich an bestimmte Untergründe anpassen und kurzfristige Wechsel der Bahneigenschaften nur eingeschränkt kompensieren können.
Die Autoren interpretieren die ausgeprägte Saisonalität des TCS als Folge klimatischer Einflüsse und des Rennkalenders in Neuseeland. Im Winter führten höhere Niederschläge zu weicheren und gleichmäßigeren Bahnen, während im Sommer trockenere Bedingungen und unterschiedliche Bewässerungsstrategien größere Unterschiede der Bahnbeschaffenheit verursachten. Außerdem veränderte sich die Zusammensetzung der Starterfelder im Jahresverlauf. In den Sommermonaten nahmen häufiger leistungsstärkere Pferde an den hochdotierten Sommerrennen teil, was neben der Bahnbeschaffenheit zu den höheren gemessenen Geschwindigkeiten beitrug. Die Ergebnisse zeigen dennoch, dass die Bahnbeschaffenheit als wesentlicher Einflussfaktor bei der Interpretation von Geschwindigkeits- und Bewegungsdaten berücksichtigt werden muss. Besonders bedeutsam ist der identifizierte Schwellenbereich eines TCS von 3 bis 4, unterhalb dessen keine weitere Steigerung der Geschwindigkeit erreicht wird.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass TCS als objektives und reproduzierbares Maß der Bahnbeschaffenheit nutzbar ist. Des Weiteren zeigte sich tendenziell ein höheres Risiko für muskuloskelettale Erkrankungen bei härteren Bahnen, höheren Geschwindigkeiten und Wechsel der Bodenbeschaffenheit im Frühjahr und Herbst.
